Sherayn

„Du hast also überlebt, wir wollten deine Leiche gerade ins Feuer werfen.”

Als ich erneut erwachte und in das verrottende, lächelnde Gesicht des Mannes über mir blickte, wusste ich, dass ich erneut von den Toten zurückgekehrt war.

Meine Haut, zumindest der Teil, der davon noch übrig ist, verrottet an meinen Knochen in einer grünlich schimmelnden Farbe. Meine Augen glühen wie gelbe Sonnen, unnatürlich und gespenstisch, als schiene meine Seele selbst durch die leeren Augenhöhlen. Einst war mein Antlitz das einer perfekten jungen Dame: Blasse Haut, Augen so blau wie der Himmel an einem Sommertag und blonde Haare, die in dichten Locken mein Gesicht umspielten und bis an die Hüften reichten. Jetzt sind diese Haare nur noch giftig grüne Fetzen, wie die eines Goblins.

Doch nichts davon spielt eine Rolle, denn mir wurde eine zweite Chance gewährt.

Einst war ich ein Mensch, eine vielversprechende junge Dame aus guter Familie, wie mein Vater stets zu sagen pflegte. Ich besaß keine Kämpfernatur, sondern lebte in wie ein kleiner zerbrechlicher Vogel, in einem goldenen Käfig, wartend, dass ein anständiger, gutaussehender Mann käme und mich zu der Seinen mache.

Rückblickend wirkt mein altes Leben surreal und unglaublich weit weg. Ich erinnere mich, dass ich die Pläne meiner Eltern für mich nicht gut hieß. Ich wollte eine Magierin werden wie mein Bruder, der nach Dalaran ging um sich ausbilden zu lassen. Aber wie meine Mutter stets zu sagen pflegte: „Junge Damen sollten keine Magie wirken. Nicht wie diese kleine Dirne Jaina Proudmoore, die sogar die Mätresse dieses Lordaeron Prinzes geworden ist! Manche Leute kennen wirklich keine Scham.“

Ich weiß wie ich damals hoffte, einmal jemand wie Arthas kennenzulernen, ein Mann der offenbar nichts dagegen hatte, eine starke Frau an seiner Seite zu haben. Sei vorsichtig, mit deinen Wünschen, das hätte ich beachten sollen.

Das Anwesen meines Vaters war eines der Ersten, die der Geisel auf dem Weg zur Heimat der Elfen zum Opfer fielen. An diesem Punkt sind meine Erinnerungen sehr verschwommen. Schmerz, Schwärze und Nebel – als weigere sich mein Geist, das Grauen erneut wiederzugeben. Als mein Bewusstsein vollständig zurückkehrte starrte mir ein Mann mit verrottendem Gesicht entgegen und ich hatte mich in eine Verlassene verwandelt.

Für meinen Bruder, den letzten Überlebenden meiner Familie, bin ich allerdings tot. Rückblickend überrascht mich das nicht mal mehr allzu sehr.

Mein eigener Bruder, das Baby, das ich als Vierjährige in den Armen hielt, spuckte mir ins Gesicht und nannte mich ein Monster. Er versuchte sogar mich zu töten, aber naja, was soll ich sagen – es gab noch ein Kind mit magischem Talent in unserer Familie und die Verlassenen scheren sich nicht darum was sich ziemt und was nicht. Mein Tod sprengte die Fesseln des goldenen Käfigs und mein ganzes Talent entfaltete sich vor mir und enthüllte eine weitere Wahrheit: Mein Bruder war nicht nur nicht der Einzige mit magischem Talent – er konnte meinem auch nicht viel entgegensetzen.

Dennoch ließ ich ihn leben – dieses eine Mal, der Erinnerung willen an den Bruder den ich einst hatte. Jetzt jedoch würde ich ihn ohne einen zweiten Gedanken zu verschwenden töten. Er gehört zum Volk der Menschen und damit zu meinen Feinden. In dem Moment in dem er mich anspuckte und angriff, hörte ich für immer auf, mich als Mensch zu betrachten.

Er ist wie die anderen. Wie jene, die meine Königin angriffen, nach allem was sie durchmachen musste um sich von Arthas‘ Fluch zu befreien.

Der Lich König interessierte mich nie besonders. Soweit es mich betrifft, tat er mir letztendlich einen Gefallen. Ich beteiligte mich auch nicht so sehr am Kampf gegen ihn. Meine Feinde sind diese verlogenen Allianzvölker, die denken, es sei ihre Pflicht uns vom Angesicht der Erde zu tilgen.

Ich bin jetzt eine Hexe, gefürchtet und gehasst und ich habe geschworen, so viele wie möglich dieser verfluchten Allianzler ins Jenseits zu befördern wie nur möglich. Aus Angst verrieten sie ihr eigenes Volk, sie verrieten mich. Dafür müssen sie jetzt zahlen.

Ich bin eine Verlassene – ich töte jeden, der sich mir in den Weg stellt!