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ADHS – Konfetti im Kopf

ADHS hat viel mehr mit zu viel Aufmerksamkeit und einer Priorisierungsschwäche zu tun als mit Unaufmerksamkeit oder einem Mangel an Konzentration.

Es riecht angebrannt. Oh verdammt! ES RIECHT ANGEBRANNT! Noch bevor ich mich umdrehe und zum Herd hinüberschaue, weiß ich auch schon genau, warum es angebrannt riecht: Die Hafermilch in dem kleinen Kochtopf, die ich für mein Porridge erhitzt habe, ist übergelaufen. Schon wieder. Für mich leider ein fast schon normaler Tagesstart.

Ein Leben mit ADHS: Alles kommt öfter zwei Mal

Manchmal frage ich mich ja schon, ob ich vielleicht doch an einer frühen Form von Demenz leide. Es ist nämlich nicht so, als wüsste ich nicht, dass der Topf mit der Hafermilch nach circa fünf Minuten überkocht. Ich weiß es auch etwa noch drei Sekunden, nachdem ich den Topf auf die Kochplatte und den Herd eingestellt habe – und dann fällt es mir genau in dem Moment wieder ein, in dem es entweder neben mir zischt oder eben verbrannt riecht. Denn bei manchen Tätigkeiten hat mein Gehirn die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches und sobald etwas aus meinem Sichtfeld verschwindet, hört es auf zu existieren.

Das geht mir nicht nur beim Kochen von Haferbrei so. Ich wasche zum Beispiel meine Wäsche meistens zweimal, weil ich nicht nur das Piepen der Waschmaschine nach abgeschlossenem Waschvorgang überhört habe, sondern mich auch überhaupt nicht mehr daran erinnere, besagten Vorgang gestartet zu haben. Es ist mir sogar schon mal passiert, dass ich Treffen mit Freunden oder Freundinnen vergessen habe, weil ich mir den Termin nicht ins Handy eingetragen habe. Wenn du jetzt den Kopf schüttelst und dir denkst: „Wie kann man nur so vergesslich sein?“ Willkommen in meiner Welt.

Neurodivers: Ein kleines bisschen anders

Fragen, die mit „Wie kann man nur…“ anfangen, stelle ich mir schon mein ganzes Leben. Weil ich immer wieder feststellte, dass ich an Aufgaben scheitere, die für meine Mitmenschen gar nicht oder nur kaum existent sind: Pläne schmieden, Zeit einschätzen, den Topf im Blick behalten, in Meetings zuhören, Augenkontakt zum Gegenüber halten, bei einem Thema bleiben, Kritik nicht als persönlichen Angriff werten, höflich zu Menschen sein, die man nicht mag – diese Liste ließe sich noch ewig fortsetzen. Über das Gefühl, ständig etwas verbessern zu müssen und einfach nicht „richtig“ zu sein, habe ich auch in folgendem Beitrag schon einmal geschrieben: Verbesserungsbedürftig. Ich bin – denke ich zumindest – kein grundsätzlich unhöflicher Mensch und eigentlich auch nicht dumm. Warum also, schaffe ich so einfache Dinge nicht, obwohl ich weiß, wie es geht.

Der Grund ist an sich recht einfach, aber doch nicht eindeutig genug, um aufzufallen: Mein Gehirn funktioniert anders. Nicht besser oder schlechter, sondern anders. Mein Gehirn ist neurodivers und leider lebe ich in einer Welt, die auf neurotypische Gehirne ausgerichtet ist. Neurodivers ist eine Bezeichnung, die unter anderem Menschen mit der Diagnose ADHS für sich entdeckt haben. ADHS steht für: AufmerksamkeitsDefizitHyperaktivitätsStörung. Stark vereinfacht bedeutet das, dass ich Schwierigkeiten mit der Konzentration habe, mich leicht ablenken lasse und im wachen Zustand weder still sitzen, stehen noch liegen kann. Die ausführliche Antwort ist etwas komplizierter.

ADHS ist eigentlich kein Aufmerksamkeitsdefizit

Defizit bedeutet unter anderem „Mangel“, ein Aufmerksamkeitsdefizit also ein „Mangel an Aufmerksamkeit“. Wer sich ein bisschen mit ADHS beschäftigt, merkt aber schnell, dass wir keinen Mangel an Aufmerksamkeit haben, sondern eher einen Überfluss. Mein Gehirn reagiert prinzipiell auf ALLES um mich herum. Auf Geräusche, auf Gerüche und auch auf Bewegungen – und springt so von einem Gedanken zum nächsten. Deshalb vergesse ich auch die Milch auf dem Kochtopf, weil ich nebenbei den Wasserkocher einschalte und mir dann einfällt, dass mein Tee sich dem Ende neigt und ich den dringend nachkaufen muss. Also gehe ich ins Wohnzimmer wo mein Handy liegt und notiere „Tee“ auf der Einkaufsliste, während mir dann auffällt, dass mein Schreibtisch schon wieder aussieht wie Sau und plötzlich fällt mir auf, dass es komisch riecht. Verdammt! Die Hafermilch.

Für mich ist es tatsächlich anstrengend, mich auf EINE Sache zu konzentrieren – es sei denn, ich komme in eine Hyperfokussierungsphase (dazu im nächsten Artikel mehr) oder ich habe einen strikten Plan. In der Arbeit nutze ich zum Beispiel immer Projektorganisationstools, in denen meine täglichen To-dos stehen. Hätte ich das nicht, würde ich immer versuchen fünf Dinge gleichzeitig zu machen und am Ende mit nichts fertig zu werden. Wer sich jetzt denkt: „Puh, das klingt aber anstrengend“. Ja. Ist es.


Lesetipp: Viele gute Informationen zum Thema ADHS (inklusive Medienliste, Selbsthilfegruppen etc.) gibt es auf dem ADHS Infoportal.


Von der Kunst, sich vom Stress nicht stressen zu lassen

Für mich ist im Grunde alles erst einmal stressig. Rechtzeitig aufstehen: Stress. Mit Menschen reden: Stress. Termine einhalten: Stress. Warum? Weil ich mich dazu motivieren muss. Weil ich mich daran erinnern muss, beziehungsweise mich daran erinnern muss, dass ich mich daran erinnern muss. Deshalb trage ich ausnahmslos JEDEN Termin in mein Handy ein – vom Arzttermin über den geplanten Einkauf, bis hin zu den 10 Minuten Meditation, die ich morgens mache. Ich habe für alles einen Alarm – für meine Medikamente, die Medikamente meiner Katze und das abendliche Stretching. Und ja, das ist Stress. Ebenso wie jede soziale Situation.

Egal ob ich eine Präsentation halten muss oder mich mit den Kolleginnen und Kollegen morgens am Kaffeeautomat unterhalte: Mein Stresslevel schlägt sofort an. Je besser ich besagte Kolleginnen und Kollegen kenne und mag, desto weniger stresst mich diese Situation. Aber sie stresst mich, weil ich Angst habe, etwas Falsches zu sagen, mich falsch zu verhalten oder einfach irgendwas kaputtzumachen, weil ich gerade mal wieder nicht aufpasse.

Ratlos trotz Ratgebern

Diese Angst ist nicht rational, sie ist gelernt. Denn Sätze, die mit „du bist zu“ anfangen und Adjektiven wie „laut, leise, unaufmerksam, unhöflich, emotional“ und so weiter enden, kenne ich schon mein ganzes Leben. Mein Problem war immer, dass ich nicht verstanden habe, warum ich das nicht einfach lernen konnte. Es gibt Dutzende Ratgeber über professionelles Verhalten, Organisation und so weiter, aber auch wenn ich einige davon gelesen haben, konnte ich keinen auch nur ansatzweise umsetzen. Was mich im Übrigen ebenfalls stresst.

Eine andere Sprache lernen

Für mich fühlte sich die Welt immer so an, als hätte jede:r außer mir eine Betriebsanleitung für das Leben erhalten. Oder als sprächen alle eine andere Sprache, die ich zwar grundsätzlich verstehe, die aber nicht meine Muttersprache ist. Genau das bedeutet Neurodiversität: Ein Gehirn, das anders ist. Anders reagiert und anders bewertet als das, was wir als „normal“ lernen. Mich nerven Geräusche, die andere nicht mal hören oder Gerüche, die andere nicht wahrnehmen. Und leider viel zu oft reagieren Menschen auf meine „Empfindlichkeiten“ mit Ablehnung. „Stell dich nicht so an.“ „Sei doch nicht immer so empfindlich.“ „So schlimm ist das doch gar nicht.“ Doch. Ist es.

ADHS: Was hilft wirklich?

Die Frage ist schwierig und ich kann sie auch nicht ganz beantworten, da ich mich selbst noch viel ausprobiere. Was mir sehr hilft, ist folgendes: Verstehen. Verzeihen. Kommunizieren. Verstehen, warum ich reagiere, wie ich reagiere, woher meine Emotionen kommen und warum es immer wieder Situationen gibt, in denen ich die Welt anders wahrnehme. Verzeihen bedeutet vor allem, mir selbst verzeihen. Denn ich bin weder dumm, noch bin ich faul, noch eine Versagerin. Ich habe einfach ein Gehirn, dass ein bisschen anders funktioniert. Kommunizieren – das ist das wohl Schwierigste, aber ich habe festgestellt, dass es mir und meinem Umfeld am meisten hilft. Zu sagen: „Hey sorry, ich habe dir gerade nicht zugehört, mich hat der wehende Vorhang im Hintergrund abgelenkt“ und generell auch einfach nachfragen, ob ich gerade falsch verstanden wurde.

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