Gesundheit Leben

WARUM ABGRENZUNG SO WICHTIG IST

Pandemie. Jeden Tag neue Zahlen zu immer neuen Toten. Eine potentielle Wirtschaftskrise am Horizont und die ständige Frage: Wird das eigentlich überhaupt nochmal wieder besser? Gerade in der aktuellen Krise wird Abgrenzung zu einem der wichtigsten Mittel für die eigene geistige Gesundheit.

Vor ein paar Tagen hatte ich einen Termin zur Physiotherapie, da ich seit einiger Zeit massive Probleme mit meinen Knien habe. Laut meiner Orthopädin sind gezielte Übungen für meine Knie die einzige Möglichkeit, um den Schaden meiner Fußfehlstellungen auszugleichen. Also saß ich auf der Liege, während der Physiotherapeut sich den Zustand meiner Knie, Hüfte und Füße anschaute. Dabei fragte er mich auch, ob ich denn Sport mache und wenn ja was. Als ich ihm sagte, ich ginge etwa zweimal die Woche Joggen, verzog er das Gesicht und sagte: „Oh das ist aber für Sie aber ganz schlecht. Joggen fordert die Knie ungemein und sie haben ja auch ein ziemliches Kampfgewicht, dass müssen die erst einmal aushalten.“ Puh.

Das Problem damit, alles zu verinnerlichen

Er hat noch eine ganze Menge anderer Dinge dazu gesagt, warum Joggen bei meinen Knien nicht die beste Idee ist, aber ich habe nach „Kampfgewicht“ aufgehört zuzuhören. Mein Gewicht gehört zu den Dingen, die mich am meisten belasten und gerade weil ich ohnehin schon Komplexe wegen meinem Gewicht habe, trifft mich die Aussage zu meinem „Kampfgewicht“ auch so und sorgt sofort dafür, dass ich mir wieder Vorwürfe mache. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn: Ja, natürlich ist es eine Schwachstelle von mir, aber warum lasse ich eine flapsige Bemerkung von jemand, den ich nicht mal kenne so nah an mir ran? Die Antwort ist einfach: Weil ich mich nicht davon distanziere, sondern es sofort verinnerliche.

Abgrenzung bedeutet genau das. Nicht sofort jede schlechte Meinung oder jeden verletzenden Kommentar verinnerlichen. Denn objektiv betrachtet hat besagter Physiotherapeut auch einige Kilos zu viel auf den Rippen und ganz ehrlich: Es gibt freundlichere Wege, um jemand zu sagen, dass er oder sie vielleicht ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hat. Leider fällt mir so etwas nicht ein, denn ich habe mein Gehirn fast schon darauf trainiert, wie ein Hund jedem Stöckchen hinterherzurennen, das irgendjemand in meine Richtung wirft. Ohne zu hinterfragen, ob besagtes Stöckchen relevant für mich ist oder ob ich dieser Person überhaupt ein Stöckchen bringen will.

Abgrenzung ist eine Entscheidung

Als ich meinem Therapeuten die Geschichte von dem „Kampfgewicht“ erzählt habe, war seine Reaktion Empörung: „Was, das hat der ernsthaft so zu Ihnen gesagt?“ Als ich ihm erklärte, dass ich leider nicht wisse, wie man sich von solchen Aussagen abgrenzt oder sich generell abgrenzt meinte er, Abgrenzung sei nicht nur eine Frage des Könnens, sondern auch des Wollens. Das wiederum ließ mich empört zurück. Sagt der Kerl da gerade ich mache mir absichtlich das Leben so schwer, weil ich einfach leiden will. Seine Antwort darauf: „Nun, was Sie da gerade machen, ist Abgrenzung.“ Daraufhin fiel mir erst einmal nichts mehr ein.

Ich habe vor einiger Zeit schon einmal einen Text über Grenzen geschrieben und darüber, wie wichtig diese sind. Persönliche Grenzen zu ziehen und diese auch zu verteidigen, gehört für mich auch zur Abgrenzung – aber es ist nur ein Teil davon. Abgrenzung bedeutet nicht nur, Grenzen zu ziehen, sondern auch sich selbst von Dingen oder den Worten und Handlungen anderer Personen zu distanzieren. Doch mein Therapeut hat völlig Recht: Sich abzugrenzen ist eine Entscheidung. Es geht nicht so sehr ums Können, sondern vor allem in erster Linie darum, es zu Wollen. Nein zu sagen erfordert mehr Mut als Können. Sich abzugrenzen ebenso.

Nein. Der erste Schritt zur Abgrenzung

Wie grenze ich mich also ab von Worten, Nachrichten, Meldungen oder den Handlungen und Problemen anderer Menschen, die mich verletzen, mir Angst machen oder nicht mit meinen Werten übereinstimmen? Wie sage ich innerlich: „Nein, das ist nicht mein Problem?“ Tatsächlich genau so. Der erste Schritt, wenn man merkt, dass man sich mit etwas beschäftigt, dass einen ängstlich oder traurig macht, ist immer die Frage: „Muss ich das wirklich annehmen?“

Wenn mein übergewichtiger Physiotherapeut über mein „ziemliches Kampfgewicht“ spricht, muss ich diese Kritik sofort verinnerlichen und auf mich anwenden? Nein. Wenn ich merke, dass die ständigen Nachrichten über Tote und Infizierte meine Panikattacken triggern, muss ich mir dann weiter diese Nachrichten zuführen? Nein. Wenn Mitglieder meiner eigenen Familie mir sagen, ich wäre bloß verzogen und hätte deshalb eine Depression, muss ich das verinnerlichen? Nein. Es steht mir völlig frei alle diese Aussagen abzulehnen und mich nicht mit Dingen zu beschäftigen, die meine Ängste verstärken.

Manchmal ist es besser, das Stöckchen einfach liegen zu lassen

Wir können uns in den allermeisten Situationen aussuchen, womit wir uns beschäftigen und was oder wem wir unsere Zeit widmen. Statt mich also auf die Aussage mit dem Kampfgewicht und damit meinen Komplexen wegen meines Gewichts zu fokussieren, kann ich das auch einfach stehen lassen. Das Stöckchen liegen lassen. Oder alternativ dem Herrn sagen, dass ich so eine Aussage sehr verletzend finde und sehen, wie er darauf reagiert. Auch das ist eine Wahl. Auch hier kommt es darauf an, ob man diese Diskussion führen will oder nicht.

Abgrenzung ist nicht das gleiche wie Kontrolle

Nur um das klarzustellen: Ich sage nicht, dass wir alles was wir fühlen auch kontrollieren können. Im Gegenteil, ich bin sogar mehr und mehr der Meinung, dass wir, wenn es um Gefühle geht so gut wie gar keine Kontrolle haben. Es geht aber hier nicht um das Fühlen, sondern um das Annehmen. Wenn jemand etwas über mich sagt, dass mich verletzt, kann ich nicht kontrollieren, ob es weh tut oder nicht. Aber ich kann bestimmen, ob ich mich weiter damit beschäftige. Ob ich mich mit Aussage: „Du bist zu dick“ von jemand, der mir nicht wichtig ist oder selbst ein deutliches „Kampfgewicht“ auf den Rippen hat, wirklich beschäftigen sollte.

Abgrenzung bedeutet nicht, die eigenen Gefühle zu ignorieren. Es bedeutet, sich nicht jeden Schuh anzuziehen, der einen an den Kopf geworfen wird. Oder jedem Stöckchen hinterherzujagen. Am Ende heißt Abgrenzung, für sich selbst zu sorgen. Denn wir alle haben doch wirklich schon genug eigene Probleme, als dass wir auch noch die unserer Mitmenschen übernehmen müssten, oder?

2 Kommentare

  1. Schönes Statement.
    Worüber ich mir diesbezüglich den Kopf zerbreche ist, wann wird Abgrenzung zu Ignoranz? Ist es wirklich so, dass wir dann jede Situation einzeln bewerten od lassen wir dann jedes Paar Schuh stehen, das drücken könnte?
    “Ist nicht mein Problem“ höre ich für meinen Geschmack deutlich zu oft.

  2. Ich glaube ehrlich gesagt, dass es auf die Frage keine einheitliche Antwort gibt.
    Ich bin jemand, der dazu neigt, sich alle Schuhe anzuziehen. Meine beste Freundin ist traurig? Da backe ich doch gleich nach der Arbeit noch ein paar Brownies und fahre zu ihr, statt wie geplant ins Yoga zu gehen.
    In der Arbeit ist jemand krank? Klar, ich übernehme das Projekt von den Kollegen, hänge ich eben noch 2 Stunden dran & gehe nächste Woche ins Yoga.
    Und so ging das jahrelang, bis ich irgendwann zusammengeklappt bin & mir dann anhören durfte, ich würde aber schon übertreiben, sooo schlimm wäre eine Depression doch gar nicht. Von Leuten, die noch nie selber eine hatten.
    Für mich ist Abgrenzung Selbstschutz. Es ist die Frage: Warum mache ich das jetzt und was habe ich davon?
    Das klingt vielleicht egoistisch & ignorant, aber manchmal muss auch das sein. Weil man sich auch selbst wichtig nehmen sollte.

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