Feminismus Leben

WARUM WIR FEMINISMUS BRAUCHEN

Es gab in den letzten Jahren unzählige Debatten zu Themen wie Sexuelle Gewalt gegen Frauen, eine Frauenquote oder auch die Steuersenkung von Damenhygieneartikeln (Tamponsteuer). Und egal um welches Thema es geht, man kann sich sicher sein, dass sofort einige Männer ihren Senf dazu geben, um den Frauen die Welt zu erklären. Warum ist das so? Ein Text auf Sinnsuche.

Ich habe mal ein Zitat zum Thema Feminismus gelesen, dass mir immer in Erinnerung geblieben ist: „Feminismus ist die radikale Idee, dass Frauen auch Menschen sind.“ Man mag Feminismus bzw. verschiedene Aktivist*innen oder Organisationen kritisch sehen – sollte man meiner Meinung nach auch. Doch die Grundidee hinter Feminismus ist die, dass alle Menschen gleich frei und selbst bestimmt leben dürfen. Ausgehend natürlich von der Situation der Frauen und genau da fängt das Problem meiner Meinung nach schon an: Die Realität von Frauen und Männern in dieser Welt.

Jede 3. Frau ist von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen

Nehmen wir nur als Beispiel das Thema „Sexuelle Gewalt“. Laut einer Studie der Europäischen Grundrechteagentur (FRA) aus dem Jahr 2014 hat jede dritte Frau hat seit dem Alter von 15 Jahren eine Form des körperlichen und/oder sexuellen Übergriffs erlebt. Jede dritte Frau. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2004 ergab außerdem, dass 58% der Frauen und Mädchen zwischen 16 – 85 Jahren sexuelle Belästigungen erlebt haben. Das ist mehr als jede zweite Frau. 40% der Befragten haben körperliche oder sexualisierte Gewalt oder beides erlebt

Eine österreichische Prävalenzstudie aus dem Jahr 2011 zeigt dagegen den Vergleich zwischen Männern und Frauen. So berichten

  • 55,7% der Frauen und 16,1% der Männer davon, dass ihnen jemand „zu nahegekommen“ ist und dies als aufdringlich empfunden wurde.
  • 44,7% der Frauen und 7,8 % der Männer davon, dass sie auf eine Art und Weise angesprochen worden sind, die als sexuell belästigend empfunden wurde.
  • 42,9% der Frauen und 2,7% der Männer davon, dass „ihnen nachgepfiffen wurde oder sie angestarrt worden” sind, wodurch sie sich sexuell belästigt fühlten.
  • 29,5 % der Frauen und 8,8 % der Männer über sexuelle Gewalt.

Was passiert, wenn Frauen ihr Schweigen brechen

Die These, dass Frauen mehr Erfahrung mit sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen haben als Männer ist also nicht wirklich gewagt. Jede Frau in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, mich selbst eingeschlossen, hat schon einmal sexuelle Belästigung in irgendeiner Form erlebt – einige sogar sexuelle Übergriffe. Und dennoch: Jedes Mal wenn wir Frauen davon berichten, gibt es Männer, die uns diese Erfahrungen absprechen oder uns sogar die Schuld dafür geben wollen. „Hättest du dir halt keinen so kurzen Rock angezogen.“ „Was läufst du auch nachts alleine herum.“ „Du hast das doch provoziert.“

Warum fühlen sich so viele Männer immer noch bedroht, wenn Frauen aufhören zu schweigen? Meiner Meinung nach liegt es daran, dass einige Männer – insbesondere weiße heterosexuelle CIS Männer – schlicht in einer anderen Welt leben als ihre weiblichen Konterparts. Sie wachsen oft in einer ganz anderen Realität auf, mit einer Grundsicherheit, die vielen Frauen fehlt. Männer dürfen wütend und dabei auch mal laut werden – Frauen dagegen werden bei einem Wutausbruch sofort getadelt. Männer dürfen dominant auftreten, während Frauen nicht selten gesagt bekommen, zu viel Dominanz sei nicht attraktiv. Wobei wir gleich zum Nächsten kommen.

Die unterschiedliche Realität von Männern und Frauen

Frauen lernen schon sehr früh, dass ihr Aussehen wichtig ist. Ich kann mich noch erinnern, wie mich meine Großmutter als ich etwa acht Jahre alt war in Röcke oder Kleider stecken wollte, während der Nachbarsjunge quasi in schmutzigen Jeans gelebt hat. Ich habe in meiner Kindheit nicht selten Sätze gehört – von meiner Familie, aber auch anderen Eltern oder Lehrer*innen wie: „Mädchen spielen nicht im Dreck“. „Mädchen kommen nicht mit zerrissenen Kleidern nach Hause“. „Mädchen haben lange Haare“. Frauen lernen meist schon sehr früh, dass ihr Aussehen, ihr Körper und ihre Kleidung von immenser Wichtigkeit sind. Das Schönheit mehr zählt als Intelligenz, weil diese Jungs (oder später Männer) einschüchtert. Und je älter wir werden, desto mehr wird diese Wahrnehmung durch Medien und Werbung verstärkt.

Männer wachsen dagegen in einer Welt auf, in der sie sich über Dinge beschweren dürfen, ohne dass man ihnen gleich unterstellt „zu kompliziert“ oder „zu anstrengend“ zu sein. In der sie wütend und auch mal laut werden dürfen, ohne dass man ihnen hormonelle Probleme oder Hysterie zuschreibt. In der man ihnen nicht erklärt, dass sie über gewisse monatliche Vorgänge ihres Körpers nicht reden sollen, weil andere das eklig finden. In der ihre Körperbehaarung nicht sofort zur „Rebellion gegen das Establishment“ aufgeblasen wird. In der sie nicht bei einem Vorstellungsgespräch nach ihrer Familienplanung gefragt werden.

Ich könnte diese Liste noch sehr lange fortsetzen. Nur um das klarzustellen: Was ich damit nicht sagen will, ist das Männer nicht auch mit veralteten Rollenbildern zu kämpfen haben, denn das tun sie. Aber die eine Ungerechtigkeit hebt die andere nicht auf. Das Problem in der Debatte zwischen Frauen und einigen Männern ist schlicht und ergreifend, dass viele Herren keine Vorstellung von der Realität haben, in der Frauen leben. Wie ich bereits in meinem Artikel über die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten geschrieben habe, neigen wir Menschen dazu, die Erfahrungsberichte anderer nach unseren persönlichen Erfahrungen und Empfindungen zu bewerten. Nur: Wenn mir persönlich entsprechende eigene Erfahrungen fehlen, dann wird das schwierig.

Zuhören und lernen, statt „mansplaining“

Man kann nun auf die fehlenden Erfahrungen auf zweierlei Arten reagieren: Man hört zu und lernt – oder man spricht seinem Gegenüber die Erfahrungen ab. Leider haben ganz offensichtlich einige immer noch nicht gelernt, zuzuhören. Nicht wenige davon Männer, vor allem in Bezug auf Frauenthemen. Egal um welches Thema es geht: Besteuerung der Damenhygieneartikel – „aber was ist mit Klopapier?“. Abtreibung – „wer abtreibt ist eine Mörderin.“ Frauen sprechen über körperliche oder sexuelle Gewalt – „dann sollen sie sich halt nicht so aufreizend anziehen“. Frauen mit Achselhaaren – „igitt wie widerlich.“ Und so weiter. Die Lektion, die all diese „Frauenerklärer“ aber lernen müssen, ist dass Frauen sich nicht länger von Männern sagen lassen wollen, wie sie denken, aussehen oder was sie zu tun haben.

Veraltete Rollenbilder schaden uns am Ende allen, Frauen wie Männern. Deshalb ist es immer sinnvoller, einander zuzuhören und voneinander zu lernen. Eine Lektion, von der ich hoffe, dass immer mehr Menschen, Frauen wie Männer, sie lernen, denn am Ende sind erstarkte Frauenrechte auch erstarkte Menschenrechte. Eine Gesellschaft in der mehr Freiheit und Selbstbestimmung herrscht, ist eine gesündere und stärkere Gesellschaft.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: