Leben

VOM VERSUCH ES ZU VERSUCHEN

Ich höre immer wieder, dass der Weg zum Erfolg mit dem Versuch beginnt. Das selbst jeder gescheiterte Versuch besser ist, als nichts zu tun. Wer nichts tut, der kann auch nichts verändern und ohne Veränderung gibt es auch keine Verbesserung. Doch wo fängt man an, wenn es doch scheinbar keinen Ausweg gibt?

Ich habe vor langer Zeit verlernt, auf meine innere Stimme zu hören und ihr zu vertrauen. Was ich höre sind die Stimmen der anderen. Sie sind es, die mich gelehrt haben, dass etwas mit mir nicht stimmt. Zu laut, zu dramatisch, zu hysterisch, zu theatralisch, zu dick, zu unbeholfen, zu naiv, zu unsensibel – alles was mich meine Familie, Mitschüler, Freunde, Kollegen oder wer auch sonst immer irgendwann einmal genannt hat: All das, was ich aus der Sicht anderer nicht richtig gemacht habe, ist das, was mich immer noch beschäftigt. Es sind ihre Stimmen die so viel lauter zu sein scheinen als meine Eigene.

Die Prägungen unser Kindheit

Wir lernen in unserer Kindheit Verhaltensmuster, die uns als Leitfaden für den Rest unseres Lebens dienen. Überlebensstrategien, die uns prägen. Diese Prägungen können uns dienlich sein oder uns blockieren, je nachdem was wir verinnerlicht haben. Meine zwei stärksten Prägungen sind Anpassung und Kontrolle – auch, weil sie sich teilweise bedingen.

Kontrolle bedeutet das Unterdrücken von Gefühlen, das Vermeiden von Konflikten und der Wunsch, alles richtig und perfekt zu machen. Anpassung ist das Verhalten, dass daraus resultiert: Mehr auf die Gefühle der Anderen zu achten als auf die eigenen, nachzugeben statt zu streiten und keine großen Risiken einzugehen, weil sich darin zu viel Potential für Fehler verbirgt.

Wenn Du Dir selbst nicht vertrauen kannst

Was ich in meiner Kindheit gelernt habe, ist vor allem: DU bist nicht richtig und auch nicht wichtig – und es führte dazu, dass ich verlernt habe, mir selbst zu vertrauen. Und wer sich selbst nicht vertraut, der traut sich auch nichts zu. Es gibt Menschen für die Kritik und Zweifel ein Ansporn sind. Ich dagegen kritisiere alles was ich tun möchte, lange bevor ich überhaupt beginne. Selbst wenn ich trotzdem mit etwas anfange bin ich eigentlich schon davon überzeugt, dass es ohnehin nichts wird und gebe auf, ohne es wirklich zu versuchen.

Das große Problem meiner zwei stärksten Prägungen ist aber, dass ich mit einer ausgeprägten kreativen Ader auf die Welt gekommen bin. Und diese Kreativität lässt sich nicht unterdrücken. Ich glaube ja, dass in jedem/r von uns ein/e Künstler/in steckt – der Unterschied besteht in der Ausprägung. Meine innere Künstlerin ist stark und lässt sich nicht verleugnen. Ein Teil von mir wollte schon immer neue Welten erschaffen – in Geschichten, in Bildern oder in Liedern.

Kunst ist die Tochter der Freiheit

„Phantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich aus den Dingen etwas zu machen.“ Dieses Zitat stammt von dem Schriftsteller Thomas Mann und es beschreibt den inneren Kampf in mir sehr gut. Denn Kontrolle und Phantasie vertragen sich nicht, ebenso wenig wie Kreativität und Anpassung. Friedrich Schiller hat mal geschrieben: „Kunst ist die Tochter der Freiheit“ und ja, ich höre jetzt auf mit den Zitaten. Dennoch, auch dieses beschreibt den Konflikt in mir sehr gut.

Druck sorgt immer für Gegendruck. Je mehr ich versuche, etwas zu unterdrücken, desto mächtiger wird es sich dagegenstemmen. Mein Bedürfnis, meine Geschichten zu erzählen und meine Bilder zu malen, steht direkt konträr zu meiner inneren Konditionierung, nichts von sich preiszugeben und jedes Gefühl zu kontrollieren. Es gibt wohl kaum etwas, dass sich so wenig kontrollieren lässt wie Kunst – egal in welcher Form.

Lass einfach los

Dieser Kampf: Kreativität gegen Konditionierung, Kunst gegen Kontrolle, tobt seit Jahren in mir und am Ende hat er mich krank gemacht. Und so stehe ich jetzt wieder am Anfang und vor der ewigen Frage: Wo fange ich an? Habe ich den Mut, einen neuen Versuch zu wagen? Ich habe keine Antwort auf die zweite Frage, aber ich wage mich an die erste: In dem ich diesen Text schreibe und veröffentliche. Indem ich weiter zeichne und andere Texte schreibe. Weil es besser ist, etwas zu versuchen, als gar nichts zu tun.

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