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SPRECHEN WIR ÜBER GEFÜHLE – TEIL 1: WUT

Gefühle sind kompliziert – meistens. Besonders kompliziert, so kommt es mir zumindest vor, ist unsere Beziehung mit dem Gefühl Wut. Denn einerseits hat die Wut ein unglaublich negatives Image, andererseits ist sie es aber auch, die am meisten bewegt. Was nun also: Beherrschen oder ausleben – eine nicht ganz einfache Antwort.

Feuer läutert, verdeckte Glut frisst an. Dieser Spruch stammt von Marie von Ebner-Eschenbach und er beschreibt mein Verhältnis zur Wut eigentlich ganz gut. Wut, Ärger oder Zorn, fühlen sich für mich immer heiß an. Es brennt der Zorn im Bauch. Vor Ärger glüht das Gesicht. Die Wut, sie will hinaus. Als Worte oder Taten, egal wie, sie will hinaus. Leider habe ich nie gelernt, Wut zuzulassen. Ich habe seit frühester Kindheit gelernt, dass Wut generell kontraproduktiv ist und unterdrückt werden muss. Also mache ich genau das: Ich schlucke den Zorn und den Ärger solange hinunter, bis sie mir den Magen verbrennen.

Wut zulassen bedeutet nicht, um sich zu schlagen

Mit Wut assoziieren wir oft Gewalt – verbal oder physisch, aber wütend bedeutet nicht automatisch auch gewalttätig. Wut an sich ist zunächst mal ein Gefühl, dass uns in eine Aktion bringt. Wenn uns jemand wütend macht, zum Beispiel in dem er uns ungerecht behandelt, unsere Gefühle verletzt oder uns beschimpft, dann ist unser erster Instinkt Verteidigung. Meist ändert sich dabei auch unsere Körperhaltung: Wir richten uns auf, spannen unsere Muskulatur an und ballen die Fäuste. Ganz so, als bereiteten wir uns auf einen Angriff vor. Bei mir kommt genau dann meistens der Punkt, an ich Angst bekomme und versuche, meine Wut mit aller Macht zu unterdrücken.

Frauen und Wut – es ist kompliziert

Tatsächlich ist es so, dass besonders Frauen ein Problem damit haben, ihre Wut zu zeigen. Das liegt auch daran, dass Wut bei Frauen eher auf ihre Persönlichkeit gemünzt wird – sie ist hysterisch / aggressiv / übertrieben emotional etc. Bei Männern wird sie dagegen mehr auf äußere Umstände zurückgeführt. In einem Artikel in Deutschlandfunk Kultur aus dem Jahr 2019 wird das Phänomen relativ gut beschrieben: Frauen spüren entweder gar keine Wut oder wenn, dann wissen sie nicht wohin damit. So kann es sich dann schnell gegen sie selbst richten.

Ich kann nun nur für mich selbst sprechen, aber ich weiß, dass mir als Kind das Zeigen von Wut immer negativ ausgelegt wurde. „Reiß dich zusammen.“ „Sei nicht so hysterisch.“ Oder auch der Lieblingssatz meiner Oma: „Wer schreit hat immer Unrecht.“ So habe ich schnell gelernt, Wut als etwas Schlechtes wahrzunehmen. Etwas das man kontrollieren muss. Statt also wütend auf andere zu werden, wurde ich wütend auf mich – weil die Wut, der Ärger und der Zorn eben doch immer wieder kamen und ich sie nicht immer kontrollieren konnte. Weil ich Wut einfach trotzdem immer wieder gefühlt habe. Weil ich mich nicht unter Kontrolle hatte. Und weil die Wut dann einfach ein Ventil brauchte, richtete ich sie nach innen und war wütend auf mich selbst.

Wut findet immer einen Weg

Das ist ja gerade das Gemeine an Gefühlen: Sie lassen sich nicht kontrollieren. Jeder der sich einredet, er hätte seine Gefühle unter Kontrolle, belügt sich. Nur weil wir nicht jedem Gefühl nachgeben, heißt es nicht, dass es nicht da ist. Genauso ist es mit der Wut. Wie vorhin beschrieben, ist Wut eine instinktive Reaktion auf eine Situation, in der wir uns ungerecht behandelt fühlen. Sie ist eine Reaktion auf die Hilflosigkeit, die wir fühlen, wenn etwas nicht so läuft, wie wir dachten. Wut bringt uns in Aktion. Aber wenn wir die Wut immer unterdrücken, dann muss sie anderweitig raus. Statt also wütend auf andere zu werden, werden wir wütend auf uns selbst – und je länger wir das tun, desto wahrscheinlicher ist es, dass es uns irgendwann krank macht.

Wut erleben

Natürlich ist es nicht gut, seine Wut durch Schreien oder Gewalt auszudrücken – egal ob gegen Lebewesen oder Gegenstände. Aber die Wut komplett wegzudrücken, ist genauso kontraproduktiv. Tatsächlich lässt sich Wut auch ohne verbale oder physische Gewalt ausdrücken, dazu muss man sich aber erst einmal erlauben, wütend zu sein. Die Wut zu spüren. Zu spüren, wo im Körper man die Wut fühlt – und wie sie sich anfühlt. Ohne zu bewerten.

Meine Wut ist heiß. Sie ist wie flüssiges Feuer in meiner Magengegend. Ein Feuer, dass raus will. Ich habe in den letzten Wochen viel Zeit damit verbracht, meine Wut zu spüren. Sie einfach in einen imaginären Raum zu stellen und brennen zu lassen. Für jemand wie mich, der seine Wut – und auch andere Gefühle – sein Leben lang unterdrückt hat, ist es nicht leicht, sich nur auf das Fühlen und damit Zulassen von Gefühlen einzulassen. Was hilfreich dabei ist sind Achtsamkeits-Meditationen, die sich gezielt mit dem Wahrnehmen von Gefühlen beschäftigen. Eine gute Einleitung dazu ist zum Beispiel das Buch „Das Einmaleins der Achtsamkeit“ von Jessica Wilker oder die Achtsamkeitsmeditationen der App 7Mind (es gibt auch andere gute Apps, ich kenne halt persönlich nur 7Mind).

Wut äußern – mit der Giraffensprache

Nachdem man sich erlaubt hat, seine Wut zu fühlen, ist der nächste Schritt, die Wut auch zu äußern -und zwar nicht kontraproduktiv sondern konstruktiv. Ein gutes Modell dafür ist die sogenannte Giraffensprache, die auf dem Konzept der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg basiert. Die Schritte dafür sind – zumindest auf den ersten Blick – recht einfach:

  1. Beobachten, nicht urteilen
  2. Gefühle erspüren
  3. Bedürfnisse benennen
  4. Eine Bitte formulieren

In der Praxis sieht es dann etwa so aus: Ein Kollege hat einen Termin vergessen und gibt nun in einem Meeting mit dem Chef dir die Schuld dafür, obwohl du mit seinem Termin gar nichts zu tun hast. Ich empfehle an dieser Stelle einmal tief durchzuatmen und innerlich bis fünf zu zählen. Einfach, um Zeit zu bekommen und die Situation zu beurteilen.

Schritt 1 – Die Situation beobachten:

Dem Kollegen ist es ganz offensichtlich peinlich, dass er den Termin vergessen hat und um nun vor dem Chef gut dazustehen, versucht er die Schuld jemand anderen in die Schuhe zu schieben.

Schritt 2 – Gefühle erspüren:

Was macht diese unwahre Behauptung mit mir? Welche Gefühle löst sie aus?

Schritt 3/4 – Bedürfnisse benennen / Bitte formulieren

In den letzten beiden Schritten geht es nun darum, die Beobachtung und die Gefühle auch zu äußern und das einfach dadurch, die Fakten zu benennen: „Du hast gerade behauptet es wäre meine Schuld, dass du deinen Termin verpasst hast (Beobachtung). Das macht mich wütend (Gefühl), denn ich habe mit deiner persönlichen Terminplanung nichts zu tun und wünsche mir, fair und respektvoll von dir behandelt zu werden (Bedürfnis). Daher bitte ich dich, Verantwortung dafür zu übernehmen, wenn du deinen Termin vergessen hast (Bitte).

Das Wichtigste bei dieser Art der Kommunikation ist es, keine Ich-Botschaften zu verwenden, statt „ich bin wütend“ zu sagen „das macht mich wütend“ und auf Schuldzuweisungen zu verzichten. Also nicht zu sagen: „Das macht mich wütend, weil du xy gemacht/gesagt hast“, sondern zum Beispiel „das macht mich wütend, denn ich möchte nicht, dass du so mit mir umgehst“. Und natürlich darf man auch „das macht mich wütend“ mit Bestimmtheit und Nachdruck sagen. Alleine Gefühle zu benennen – wirklich zu benennen, kann eine starke Wirkung haben. Mehr als zu schreien oder um sich zu schlagen.

Mut zur Wut – und anderen Gefühlen

Wie alles braucht auch diese Form der Kommunikation – ebenso wie das Fühlen der Wut – Übung. Besonders für jemanden wie mich, der sein ganzes Leben lang gelernt hat, dass das Ausdrücken von Gefühlen, insbesondere Wut oder Angst, negative Auswirkungen hat. Aber es ist nun mal so: Du kannst deine Augen schließen, wenn du etwas nicht sehen willst, aber du kannst dein Herz nicht verschließen, wenn du etwas nicht fühlen willst. Das Zitat stammt von Johnny Depp und auch wenn ich zu dem Herrn mittlerweile ein gespaltenes Verhältnis habe: Damit hat er Recht.

Deshalb: Trau dich, deine Wut zu fühlen.

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