Das Spiel mit der Angst

Heute ist wieder so ein Tag an dem ich mich frage, ob ich tatsächlich die Einzige war, die damals im Geschichtsunterricht zugehört hat. Oder die „1984“ gelesen hat. Oder die Großeltern hatte, die den 2. Weltkrieg tatsächlich live miterlebten. Es muss eigentlich fast so gewesen sein, denn anders kann ich mir die Ereignisse des letzten Jahres und der letzten zwei Tage nicht erklären.

Meine Großmutter war neun Jahre alt als Hitler an die Macht kam. Aus ihren Erzählungen weiß ich, dass ihre Familie damals wohl stark in Richtung Pro-Nazis ging – und dass sie nie so wirklich verstanden hat. Warum? „Wegen den Juden, weil ich diesen Hass gegen die Juden nie verstanden habe“, war stets ihre Antwort. Sie konnte nie verstehen warum Menschen die bisher Nachbarn, Lehrer, Ärzte – sogar Freunde – plötzlich Feinde und später sogar Untermenschen sein sollten.

Von der 8. bis zur 10. Klasse ging es im Geschichtsunterricht immer um Hitler – um seinen Aufstieg, die Machtübernahme, die SS, die einzelnen Stationen des Kriegs und – gefühlt am meisten – um den Holocaust. Und die Frage, die ich mir dabei immer gestellt habe: Wie konnte so etwas passieren? Wie konnte ein ganzes Land so verblendet sein und so etwas zulassen? Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach: Angst.

Noch bevor Hitler an die Macht kam, hatten die Menschen Angst. Weil sie keine Arbeit hatten oder viel zu wenig Geld verdienten und weil es nicht so aussah, als würde sich dies in absehbarer Zeit ändern. Angst war der Katalysator der Hitler zur Macht verhalf und später der Grund, warum sich niemand gegen ihn stellte. Einer der ersten Schritte die Hitler unternahm, war die Liquidierung seiner Feinde und Kritiker. Während des gesamten dritten Reiches galt: Wer nicht für uns ist, muss sterben. In nicht wenigen Fällen zusammen mit seiner gesamten Familie.

Das Problem war, dass die meisten Deutschen erst viel zu spät die Wahrheit begriffen. Viel zu spät, um noch viel dagegen zu tun. Die meisten Geschichten, die mir meine Oma über den 2. Weltkrieg erzählt hat, drehten sich um die Krebserkrankung und den späteren Tod ihrer Mutter. Aber es gibt auch eine Geschichte, in der eine junge Dame – die Frau eines SS-Offiziers – zu der Schneiderin, bei der meine Oma eine Lehre machte kam und einen Lampenschirm aus Judenhaut bestellte. Dinge, von denen man gar nicht glauben will, dass sie wirklich so passiert sein könnten.

Und dann kam 2016. Und plötzlich wird die Frage: „Wie konnte so etwas nur passieren“ zur Farce. Mittlerweile sieht es eher danach aus als müsste man fragen: Wie lange noch, bis es wieder passiert? Bis sich die Geschichte erneut wiederholt. Das Schlimme dabei ist noch nicht mal, dass Donald Trump seit einer Woche Präsident der USA ist oder dass eine Partei wie die AfD in den Prognosen für die Bundestagswahl gerade bei fast 12 Prozent liegt (Quelle) – sondern, dass es überhaupt so weit kommen konnte.

Aber wie schon 1933 haben wir – die Menschen die in Deutschland, in Europa, in den USA, auf dieser Welt leben – Angst. Die meisten von uns haben entweder gar keinen Job oder einen, in dem wir zu wenig Geld verdienen. Wir fixieren uns auf all die Dinge die wir uns nicht leisten können – die dicksten Autos, die neuesten Smartphones, die beste Technik, das größte Haus – so sehr, dass wir ständig das Gefühl haben, jeder Erfolg eines anderen nähme gleichzeitig uns etwas weg. Und so fixieren wir uns auf all die Dinge, die wir unbedingt brauchen um zu überleben und all die Dinge, die uns noch fehlen und all die bösen Menschen, die uns das wenige das wir besitzen, wegnehmen wollen.

Wir haben Angst – und wer Angst hat, der lässt sich leicht kontrollieren. Wie schon 1933 braucht es Sündenböcke, die über all das, was tatsächlich falsch läuft hinwegtäuschen: Eine Verkörperung all unserer Ängste über jemanden, der uns etwas wegnehmen möchte. 1933 waren es die Juden, 2017 sind es die Muslime aka Flüchtlinge aka Terroristen. Und so scheint es nur logisch, dass Präsident Trump die Grenzen für syrische Flüchtlinge schließt und ein temporäres Einreiseverbot für Muslime aus sieben Ländern verhängt. Die AfD hatte übrigens auch schon ähnliche Ideen (Quelle).

Heute ist Sonntag, zwei Tage nachdem Trump sein Einreiseverbot verhängt hat – Tausende Menschen protestieren in den US-Flughäfen, eine Richterin hat sich bereits gegen den Erlass gestellt (Quelle) und trotzdem…irgendwie wirkt es nicht so, als wäre es genug. Nicht wenn man die Kommentare der Trump- oder AfD-Sympathisanten (ich nenne sie hier ausdrücklich nicht „Vollpfosten“ obwohl es passender wäre) liest, die all diesen Blödsinn verteidigen. Die entweder wirklich glauben, dass Mauern und Abgrenzungen uns sicherer machen. Das sich Hass nur mit noch mehr Hass bekämpfen lässt.

Eine der ersten Handlungen nach Hitlers Amtsantritt war übrigens das Gesetz zur Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit vom 14. Juli 1933 – es richtete sich gegen die eingebürgerten Juden aus den bis dahin deutschen Ostgebieten und gegen die Emigranten. 2017 dürfen plötzlich Ärzte, Studenten, Lehrer, Künstler – sogar Flughafenpersonal – aus einem der sieben verbannten Länder nicht mehr in die USA einreisen. Selbst wenn sie über eine gültige Green Card verfügen (Quelle).

Ja und da fragen wir uns, während wir auf die Holocaust-Denkmäler schauen oder im Geschichtsunterricht sitzen: Wie konnte so etwas nur passieren? Es sieht aus, als dürften wir in naher Zukunft live zuschauen, wie es wieder passiert.

2 Gedanken zu “Das Spiel mit der Angst

  1. Ja, stimmt, das Thema Holocaust wurde mir als Teenager bei jeder Gelegenheit eingetrichtert. So sehr, dass ich es irgendwann nicht mehr hören konnte. Aber vielleicht hat es doch Früchte getragen, denn auch finde überall Anzeichen dafür, dass dich das alles wiederholt.
    Dümmer Weise ist nein Freund Amerikaner und Trump-Wähler. Er tut alle Meine Ängste und Warnungen aus übertrieben ab. Wir reden schon gar nicht mehr über Trump, es führt nur zu Konflikten. Und so habe ich ihm zu Trumps aktueller „Heldentat“ noch gar nicht befragt. Es wäre interessant zu hören, was er sagen würde, denn er hat das Einreiseverbot für Moslems wie ich für Blödsinn („Trump meint das nicht so“) gehalten. Erfahrungsgemäß bedeutet das aber nichts. Er wird sich wahrscheinlich freuen, dass die USA jetzt sicherer sind und betonten, dass die Probleme, von denen sie Medien berichten übertrieben sind, von Obamas und Co. beeinflusst, ja gar gelogen. So war es zumindest bisher.

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