Der Krieg im Kopf

Ich weiß, man soll so etwas nicht sagen – noch nicht einmal daran denken. Im Grunde will ich auch nicht daran denken, doch es gibt Momente, an denen ich einfach nicht anders kann. So wie heute, während ich auf einer Arbeitsparty inmitten all meiner Kollegen sitze und feststelle, dass seit gut einer Stunde niemand mit mir geredet hat. Das tatsächlich der eingeschlafene Kollege der mir gegenübersitzt noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als ich.

Wäre ich nicht hier, es würde keinen Unterschied machen. Keiner meiner Kollegen würde es überhaupt bemerken – und eigentlich will ich auch gar nicht hier sein. Das Problem ist nur, ich will auch nirgendwo anders sein. Nicht zu Hause alleine in meiner großen Wohnung. Nicht in der Arbeit, alleine unter lauter Menschen die genauso wenig mit mir anfangen können wie ich mit ihnen. Nicht bei meiner Mutter, die ich in letzter Zeit nur traurig zu machen scheine. Nicht in diesem Land. Nicht auf dieser Welt. Nicht in diesem Leben.

Je länger ich hier sitze, desto mehr ertappe ich mich dabei, wie ich über diese Frage nachdenke – die, die man sich nicht stellen sollte: Wäre nicht alles einfacher ohne mich? Meine Mutter könnte aufhören sich Sorgen um mich zu machen. Für meine Freunde, die ich ohnehin so gut wie nie sehe, würde es wahrscheinlich keinen großen Unterschied machen. Meinen Job kann auch jemand anders übernehmen. Es wäre so viel leichter ohne all diese Gefühle, ohne den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit. Ja, ich weiß, man soll über so etwas nicht nachdenken. Aber es scheint, als könne ich damit auch nicht aufhören.

Ich habe keine Selbstmordgedanken – tatsächlich habe ich panische Angst davor, sie eines Tages haben zu können. Zumindest meistens. Heute ist so ein Tag, an dem es fast schon keine Rolle mehr spielt. Morgen werde ich sicher darüber wieder in Panik geraten. Aber heute sitze ich hier und höre all den Gesprächen um mich herum zu und kann nicht aufhören daran zu denken, dass ich nicht mehr hier sein will. Nicht nur nicht hier an diesem Ort, zu dieser Zeit, mit diesen Leuten, sondern einfach gar nicht mehr da.

Solche Gedanken tuen weh – denn sie sind wie Schläge ins Gesicht, sie fühlen sich schon fast an wie Schnitte ins eigene Fleisch. Aber solange es noch weh tut, ist es vielleicht noch nicht zu spät. Solange man noch weiß, dass es falsch ist so zu denken, gibt es vielleicht noch so etwas wie Hoffnung. Als hätte sie diesen Gedanken gehört, beginnt plötzlich meine Kollegin am Nachbartisch zu mir zu gestikulieren, ich solle rüberkommen. „Du kannst doch da nicht sitzen bleiben, so alleine“, meint sie und schüttelt den Kopf. Das sollte alles ändern, ich weiß. Und vielleicht reicht es ja, dass die Dämonen in meinem Kopf für einen Moment ein wenig leiser geworden sind.

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