Mitgefühlt und mitgedacht

Vorurteile sind einfach. Sie entstehen schnell, manifestieren sich noch schneller und verengen das Sichtfeld derart, dass man am Ende nichts anderes mehr sieht. Schnell baut sich eine generelle Meinung auf und Vorurteil gesellt sich zu Vorurteil – bis man sich mit vielen Brettern das Sichtfeld komplett vernagelt hat.

Meine Nachbarn unterhielten sich im Hausgang – es sollen nun auch Flüchtlinge in unserem Dorf untergebracht werden. Nachbarin 1 verkündete, sie habe sich Pfefferspray besorgt und gehe nun nicht mehr nach Einbruch der Dunkelheit durchs Dorf. „Diese Leute haben doch keinen Respekt vor Frauen“, sagt sie. Nachbarin 2 nickt zustimmend: „Meine Tochter darf auch nicht mehr alleine auf die Straße in der Nacht, wer weiß was die ihr sonst antun.“

Meine Mutter erzählte mir neulich von einer Bekannten, die wiederum eine andere Bekannte in einem anderen Dorf hat, in welchem es auch Flüchtlinge gibt. Flüchtlinge, die offenbar im lokalen Supermarkt beim Klauen erwischt wurden. Der Geschäftsführer des Supermarktes wurde von der lokalen Polizei „gebeten“ das Ganze unter den Tisch fallen zu lassen – er lehnte dies ab und nun hat nun „Konsequenzen“ seitens seines Arbeitgebers zu befürchten.

Überall hört man Geschichten über die bösen Flüchtlinge: Flüchtlingshorden die Müllberge hinterlassen am Münchner Hauptbahnhof – zur Wiesnzeit stört dies dann aber wieder keinen. Flüchtlinge, die Zelte anzünden und Selfies davor machen – über 12.000 Leute, die auf engstem Raum festgehalten werden, bei unzureichender Grundversorgung und es kommt zu Verzweiflungstaten – ganz klar, alles Terroristen. Flüchtlinge die ein iPhone besitzen – stimmt, in Ländern außerhalb der EU gibt es keine Handy-Verträge, da kommuniziert man noch mit den guten alten Rauchzeichen.

Ich sage nicht, dass alle Flüchtlinge „gut“ sind – eine dumme Wortwahl im Übrigen, denn ob Gut oder Böse liegt stets im Auge des Betrachters – aber bei nicht wenigen Bildern die man uns über das „Gewaltpotential“ der Fliehenden zeigt, handelt es sich um Verzweiflungstaten. Nähme man eine Handvoll Durchschnittsdeutscher und sperrte sie in ein Lager ohne ausreichende Versorgung und ohne Kommunikation nach außen – wie lange dauerte es wohl, bis es zu dummen Verzweiflungstaten käme?

Wenn ein deutscher Jugendlicher – einer der auch aussieht wie ein Deutscher, versteht sich – im Suff ein Zelt im Garten seiner Eltern abfackelt und davor noch grinsend ein Selfie macht, dann ist das vor allem eines: Dumm. Tut ein Flüchtling dasselbe, allerdings in einem Lager, eingepfercht mit 10.000 anderer Menschen und ohne in den letzten zwei Tagen etwas gegessen zu haben, bleibt es freilich immer noch dumm – hat aber einen ganz anderen Hintergrund.

Wenn ein deutscher Mann in Deutschland in einer Bar die weibliche Barkeeperin eine Hure nennt, weil sie mit den anderen männlichen Gästen flirtet, dann macht ihn das zu einem dummen chauvinistischen Arschloch. Nennt ein Flüchtling eine der Helferinnen in einem Lager eine Christenhure, gilt für ihn genau das Gleiche. Dumm bleibt dumm – aber ein dummer Deutscher spricht genauso wenig für alle deutschen Männer wie ein dummer Flüchtling für alle anderen. Außer natürlich, man will partout nur die dummen Flüchtlinge sehen.

Idioten findet man überall, man muss nicht mal lange danach suchen. Aber ein, zwei oder 100 oder sogar 1000 Idioten machen noch nicht die Masse aus. Die Masse, die aus vielen verzweifelten Menschen besteht, die nun in einem fremden Land stehen und nicht wissen, wie es mit ihrem Leben weitergeht. Die teilweise alles verloren haben außer dem eigenen Leben. Ich sage nicht, dass es keine Probleme gibt, aber es hilft dennoch nachzudenken. Fragen zu stellen. Infrage zu stellen. Und nicht einfach alles blind nachplappern, was die Nachbarn so gehört haben.

Ein bisschen Mitgefühl – mehr braucht es eigentlich gar nicht.

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