Digitale Idiotie

Schritte zählen, Leute beurteilen, Sport-Erfolge teilen, Schlaf überwachen, Pulsfrequenz messen, täglich Selfies schießen, Zahnputz-Verhalten analysieren, posten, liken, liken… Kommt mir das nur so vor oder haben wir alle kollektiv den Verstand verloren?

So gut wie jeder den ich kenne, zählt seine Schritte. Mit einer App. Jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde – jeden Schritt den er oder sie tut. Es gibt dann auch ein „Tagesziel“ an gegangenen Schritten, über das einen die App informiert. Warum? „Weil ich mich mehr bewegen muss“ – Dann geh doch einfach mehr! „Ja, aber mit der App ist es einfacher.“ – Wieso? „Weil ich dann genau weiß, wie viele Schritte ich am Tag gegangen sein muss.“ Aha. Und dazu braucht man eine App? Verständnislose Blicke.

Der Zähler läuft mit

Ich weiß nicht ob es daran liegt, dass ich wirklich langsam alt werde oder ob ich einfach grundsätzlich etwas nicht verstehe, aber: Wenn ich weiß, dass ich mich zu wenig bewege und das dementsprechend ändern möchte – ja, dann muss ich mich einfach mehr betätigen! Kurze Strecken eben nicht mit dem Auto fahren, sondern zu Fuß gehen oder statt dem Bus das Fahrrad nehmen. Problem gelöst. Da brauche ich doch keine App die mir bestätigt, was ich eh schon weiß, nämlich das ich mich zu wenig bewege. Die Antwort auf diesen Einwand: „Sag mal verstehst du die Welt nicht oder wie?“ Nein, offensichtlich nicht.

Beweg! Dein! Arsch! – und teile es mit!

Dabei gehört Schritte mittels einer App zählen anscheinend schon zur Standardausrüstung auf jedem Handy – also den vorinstallierten Apps. Warum? Damit mit man seine Schritte zählen kann, verdammt! Versteht doch jeder oder? Wem das Schritte zählen noch nicht reicht, der holt sich dazu gleich noch eine Lauf-/Fitness-App. Die zählt dann nicht nur die sportlichen Erfolge – 150 Burpees (???) in 10 Minuten – sondern zeigt auch noch teilweise gleich per GPS an, welche Strecke man genau wo wie lange gelaufen ist. Toll oder? Wollte ich zwar nie wissen, aber die NSA freut sich.

Digitale Selbstüberwachung

Apropos NSA – die ist ohnehin bald arbeitslos, schließlich erledigt Otto-Normal-Verbraucher das mit der Überwachung mittlerweile selbst: Morgens misst die optimierte Bluetooth-Zahnbürste das Putzverhalten und gibt die Daten an eine App am Handy weiter. Damit wir dann auch alle wissen, wie gut wir das mit dem Zähneputzen wirklich beherrschen – der Zahnarzt kann schließlich viel behaupten. Die Schritte-Zähl-App misst brav wo wir hin gehen und wo wir uns aufhalten und die Fitness-App registriert unsere sportliche Konstitution. Damit das dann auch jeder weiß, posten wir alles fleißig auf Facebook, machen jeden Tag ein Selfie und spionieren über eine Dating-App unsere Mitmenschen im Umkreis von 50 Kilometern aus.

Nein, ich verstehe die Welt nicht mehr. Wirklich nicht.

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