Was immer ihr tut, seid nicht Hugh Grant

Was, wenn ich eigentlich gar nicht so bin, wie ich glaube zu sein, sondern nur so, wie ich irgendwann mal beschlossen habe zu sein? Es gibt Dinge, über die man irgendwie nur nachdenken kann, wenn man um 2 Uhr morgens hellwach in seinem Bett liegt. Für die wirklich essentiellen philosophischen Fragen braucht es eben auch etwas mehr Ruhe als die Hektik des Alltags zulässt.

Man hat zwar eigentlich auch jetzt keine Zeit – schließlich klingelt der Wecker in vier Stunden. Andererseits aber auch keine andere Wahl als endlich mal die Steine in seinem Kopf herumzuwälzen, die einen ständig im Verborgenen plagen. So kommen also die wirklich essentiellen philosophischen Fragen endlich mal ans Licht, wie eben: Was, wenn ich eigentlich gar nicht so bin, wie ich glaube zu sein, sondern nur so, wie ich irgendwann mal beschlossen habe zu sein. Oder anders: Was, wenn ich Hugh Grant bin?

Wieso eigentlich Hugh Grant?

Okay, ich schätze das sollte ich jetzt besser erklären. Ich mag den Schauspieler Hugh Grant sehr gerne – ich finde nur die Rollen, die er in seinen meisten Filmen spielt nicht gut: Den etwas schüchternen, meist ziemlich schnieken britischen Tollpatsch mit Herz, der am Ende immer die Traumfrau bekommt. Diese Rolle spielt er – mit Abwandlungen – in Filmen wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Neun Monate“, „Notting Hill“, „Tatsächlich Liebe“, „Mickey Blue Eyes“ und so weiter.

Besser als Arschloch

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass irgendwer bei dem Namen Hugh Grant an irgendwas anderes denkt als Liebesfilme – dabei sind seine besten Filme die, in denen er ein Arschloch spielt: Den reichen Taugenichts in „About A Boy“, den schmierigen Daniel Cleaver in den „Bridget Jones“-Filmen oder das Moderatoren-Arschloch in „American Dreamz“. Vielleicht liegt das daran, dass diese Rollen der tatsächlichen Person Hugh Grant viel näher kommen. Zumindest hat man das Gefühl, dass ihm solche Filme viel mehr Spaß machen – allen voran „Bridget Jones“.

Ich kenne Hugh Grant natürlich nicht – alles was ich über ihn weiß, habe ich aus Interviews und Medienberichten. Aber interessant finde ich, dass sich Hugh Grant in Interviews grundsätzlich als Arschloch verkauft – und dann gibt es da ja auch noch die Story mit der Prostituierten und der Verhaftung.

Typecast my life

Hugh Grant hat einfach so ein Gesicht – der Typ sieht einfach aus wie ein schnieker, leicht linkischer Brite. Attraktiv, aber harmlos. Im Grunde war er mit diesem Gesicht wahrscheinlich schon „typecast“ bevor er überhaupt jemals zu einem Casting erschien. Und vermutlich dachte er sich: Whatever, das mit dem romantischen Tollpatsch kann ich, also mache ich das jetzt auch. Her mit der Kohle ihr Idioten.

Genau das bringt mich zurück zu meiner Ausgangsfrage: Was, wenn ich Hugh Grant bin? Also jemand, über den man mal beschlossen wurde, in welche Ecke er am besten passt und der dann einfach dort blieb. Irgendwann haben wir das doch alle mal getan oder nicht – festgelegt, wer wir so circa in etwa sind. Vielleicht war das bei euch zielstrebig oder faul oder was dazwischen. Vielleicht war es verrückt oder vielleicht normal oder vielleicht auch die Erkenntnis, dass ihr keine Ahnung habt, wer ihr eigentlich sein sollt.

Aber warum brauchen wir das? Warum müssen ein paar Eigenschaften aufschreiben, die in eine Schublade legen und darauf unserer Namen kritzeln? Warum zwängen wir und in diese Schubladen und uns dann einreden, dass wir da und nur da hinein passen? Das wir „eben so sind“. Vor allem, wenn sich unsere eigene Wahrnehmung oft komplett von der unterscheidet, die andere Menschen von uns haben.

Introvertierter, sozial unakzeptabler Wahnsinn

Wenn mich jemand fragt wie ich bin – und es sich nicht gerade um ein Vorstellungsgespräch handelt – dann antworte ich stets: Komplett wahnsinnig. Das finden viele Leute lustig, weil sie denken ich mache einen Scherz. Tatsächlich ist das aber die ehrlichste Antwort, die mir zu mir einfällt. Ich halte mich für extrem schüchtern, viel zu verträumt, über-kitschig und sehr schwierig – alles zusammen an der Grenze zur Lebensunfähigkeit. Und damit habe ich die Endlos-Denkschleife in meinem Kopf noch nicht mal erwähnt oder die diversen Zwänge, mit denen ich mich herumschlage. Kurz: Die einzig politisch-korrekte Antwort auf die Frage, wie ich denn bin, ist: Komplett wahnsinnig.

Interessanterweise hält mich keiner meiner Freunde für schüchtern. In bestimmten Situationen introvertiert, aber es gibt sogar Leute die behaupten, ich könne charmant, witzig und unterhaltsam sein – sogar wenn ich keinen Alkohol getrunken habe. Meine neuesten Arbeitskollegen erklärten mir vor ein paar Tagen, sie fänden mich flippig und zielstrebig. Ich weiß nicht, wie die gerade auf diese Eigenschaften kommen. Ich persönlich finde es gibt niemand der langweiliger oder uncooler oder chaotischer wäre als ich.

Hallo, ich weiß auch nicht, wer ich bin – und du?

Und damit wären wir – erneut – bei der Ausgangsfrage angekommen: Was, wenn ich gar nicht so bin, wie ich immer gedacht habe? Was, wenn ich einfach nur so bin, wie ich irgendwann mal beschlossen habe zu sein und das überhaupt nicht stimmt? Die Freiheit, die sich aus dieser Frage ergibt, ist so atemberaubend, dass ich um zwei Uhr morgens zu meinem Schreibtisch torkle und diesen kompletten Text auf einen Block kritzle. Atemberaubend und angsteinflößend zugleich.

Aber vielleicht ist es gar nicht schlecht Angst zu haben. Oder nicht zu wissen, wer man eigentlich ist. Oder wer man sein will. Vielleicht muss man das gar nicht herausfinden, sondern sich nur immer fragen: Passe ich eigentlich in diese Schublade? Bin ich das wirklich oder bin ich Hugh Grant? Ich habe keine definitive Antwort auf diese Frage, aber ich glaube es geht vielleicht auch einfach nur darum, sie zu stellen.

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