FemBlog #1: Das Kreuz mit dem Feminismus

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(c) Andreas Øverland, Flickr

Feminismus ist ein Wort, das oft einen sehr negativen Beigeschmack hat. Interessanterweise auch bei vielen Frauen und ich muss leider sagen, dass ich das oft nur allzu gut nachvollziehen kann. Um eines von vornherein klarzustellen: Ich kann eine Frau, die Feminismus nicht unterstützt, auch nicht für voll nehmen. Das mag unpopulär klingen, ist aber so. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich alles gut finde, was sich so Feminismus schimpft.

Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich zum ersten Mal ernsthafte Zweifel am Feminismus bekam: Ich war 17 Jahre und schaute ein Talkshow an, in der Alice Schwarzer – damals immer noch die unangefochtene Speerspitze des deutschen Feminismus und Verona Feldbusch – heute Pooth – sich einen verbalen Schlagabtausch liefern sollten. Die Betonung liegt auf „sollten“. Tatsächlich gelang es Frau Feldbusch – der Frau mit der nervigsten Stimme Deutschlands, deren ganze Karriere bis heute darauf beruht, dass sie die Rolle der dummen Sexbombe perfektioniert hat – Frau Schwarzer innerhalb von zehn Minuten komplett zu demontieren.

Feminismus: Sinn und Unsinn

Damals fragte ich mich, ob irgendwer eigentlich Feminismus braucht – wenn man damit nicht mal gegen eine Verona Pooth ankommt, wie will man es dann mit einer patriarchischen Welt aufnehmen? Damals wusste ich natürlich erstens noch nicht, wie viel im Fernsehen tatsächlich inszeniert wird und zweitens, dass man Feminismus unterstützen und Alice Schwarzer trotzdem doof finden kann.

Ich gehöre zu den Menschen, die immer dann ein Problem bekommen, wenn ihnen jemand eine Meinung vorschreiben will. Ehrlich gesagt, tue ich mir mit jeder Art von Vorschriften etwas schwer – aber alles was ich intellektuell nachvollziehen kann und daher als sinnvoll erachte, nehme ich auch an. Wo ich aber komplett aussteige: Wenn jemand mir erzählen möchte, wie ich die Welt zu sehen habe – und da ist es mir völlig wurscht ob Männlein oder Weiblein.

#Aufschrei #YesAllWomen und #RapeCulture

In den letzten zwei Jahren gab es mehrere massive Internet-Aufschreie von Frauen: Einmal etwa den deutschen #Aufschrei, der den Alltags-Sexismus und –Chauvinismus aufdeckte, dem wir Frauen täglich ausgesetzt sind. Dann gab es #YesAllWomen, der noch einen Schritt weiter ging – hier ging es nicht nur um Chauvinismus, sondern auch tätliche Angriffe und Anfeindungen. Jede Frau kennt so etwas entweder persönlich oder durch eine ihrer Freundinnen.

Der Fall Ray Rice / Chris Brown & das Vergewaltigungsland Indien

Solche Dinge müssen angesprochen werden, das beweisen einem nicht nur die zahlreichen Gegenkommentare, sondern auch ein kurzer Blick in die Nachrichten: Ein US-Football-Star, der seine zierliche Frau im Aufzug vermöbelt und erst dran kommt, als das Video-Material dazu an die Öffentlichkeit gerät. Zahlreiche Medienvertreter die seit Jahren jede Kritik an der Prügelattacke von Vollpfeife Chris Brown gegen Rihanna mit „Argumenten“ wie „so schlimm war es doch gar nicht“ abschmettern. Von einem Blick nach Indien, wo Vergewaltigung sich langsam scheinbar zum Volkssport entwickelt oder islamisch geprägten Ländern mal ganz zu schweigen.

Warum wir Feminismus brauchen

Das alles zeigt mir, dass wir Feminismus brauchen. Weil Vergewaltigung kein Kavaliersdelikt ist. Weil ich möchte, dass ich mir anziehen kann was ich will, ohne dass irgendein Trottel das als Einladung auffasst. Weil es sich bei Chauvinismus nicht um ein gesellschaftlich anerkanntes Verhalten handelt. Weil sexuelle Objektivierung von Frauen in Werbung und Medien uns nachweislich psychisch schädigt – man siehe nur den Anstieg von Krankheiten wie Magersucht oder Bulimie. Weil Frauen genauso Menschen sind wie Männer und daher genauso viel Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Weil verdammt noch mal jedes Menschenleben gleich viel Wert besitzt.

Freiheit bedeutet aber eben auch, dass man sein Leben so leben darf wie man es für richtig hält – natürlich immer nur solange, wie man damit keinem anderen schadet. Mit Feminismus verhält es sich genauso wie mit jeder anderen Bewegung: DER eine und einzige feministische Ansatz existiert nicht. Es gibt berühmte Gesichter – wie Alice Schwarzer, Caitlin Moran oder Anita Sarkeesian – einflussreiche Blogs und Magazine – wie EMMA, Feminist Majority usw – und dann, dann gibt es eben noch die dunkle Seite.

Die Abgründe des Feminismus

Wie jede Bewegung hat eben auch der Feminismus seine Abgründe – und so findet man relativ schnell einige Damen, die ziemlich radikale Ansätze vertreten. Wie etwa die Verweigerung von Tampons aus Protest gegen ein System, das zu viel Geld für etwas verlangt, dass Frauen nun mal einmal im Monat brauchen. Oder die fordern, dass Sex allein der Fortpflanzung dienen solle und „mehr als vier Zentimeter Penetrierung ist Vergewaltigung“. Oder die gleich einführen möchten, dass männliche Embryonen in Zukunft abgetrieben werden, damit die Zahl der Frauen steigt. Argument: Schließlich braucht es nur einen Mann, um für das (biologische) Überleben eines ganzen Dorfes zu sorgen.

Ja, das meinen die ernst. Deshalb kam auch in den letzten Jahren immer wieder der Begriff „Femnazi“ auf – leider nicht ganz so unzutreffend wie man zunächst glauben mag. Das Problem mit diesen Femnazis ist – mal abgesehen von ihren absurden Forderungen – dass sie damit dem Rest von uns schaden. Dass viele Frauen Feminismus als radikal und einengend betrachten. Dass es beim Feminismus scheinbar immer nur darum geht, sich als Opfer hinzustellen und laut krackelend gegen das böse System – und alle Männer im Allgemeinen – zu schimpfen. Dass man sich nur dann Feministin nennen darf, wenn man auch ALLE Aspekte des Feminismus unterstützt – was natürlich völliger Quatsch ist!

Freiheit

Ich verstehe den Ansatz hinter der Tampon-Verweigerung – aber ehrlich gesagt, gibt es meines Erachtens größere Baustellen. Mein Sexleben geht niemanden außer mir und den anderen daran beteiligten Personen etwas an – und mit in einer Welt, die aus 80 Prozent Frauen besteht, will ich ehrlich gesagt auch nicht leben. Ich muss nicht alles was sich Feminismus schimpft und die Ansätze und Forderungen jeder einzelnen Feministin auch unterstützen. Im Gegenteil – ich darf auch mal was völlig scheiße finden – Femen zum Beispiel oder Charlotte Roche. Am Ende bleibe ich dennoch eine Frau und vor allem, ein eigenständig denkender Mensch.

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