Der Fall Mertesacker oder: Das WM-Journalisten-Bashing

Es gibt Dinge, die sind menschlich: Einen schlechten Tag zu haben beispielsweise, egal ob stressbedingt, aus Schlafmangel oder weil halt einfach an dem Tag überhaupt gar nichts klappt. Solche Tage kommen schon mal vor. Was aber eigentlich nicht passieren darf: Wenn man diesen Grant dann bei jemand ablädt, der überhaupt gar nichts dafür kann.

Montag, 30. Juni 2014, Brasilien, kurz nach dem Spiel Deutschland gegen Algerien: Per Mertesacker ist offenbar nicht nur körperlich am Ende seiner Kräfte und blafft den ZDF-Reporter relativ unfreundlich an. Tja. Kann schon mal passieren nicht wahr? Mertesackers Reaktion spaltet die Leute nun in zwei Lager, wobei die, die seine „klaren“ Worte super finden irgendwie zu überwiegen scheinen. Das Hauptargument: Was stellt der blöde Reporter nach dem Spiel auch so depperte Fragen. Ja ähem…in der Tat, was fällt dem eigentlich ein seinen Job zu machen!

Fußball und die doofen Fragen

Ich kann Herrn Mertesacker durchaus verstehen – das Spiel gegen Algerien war weder glorreich noch einfach. Begeisterung, wie beim gewonnen Spiel gegen Amerika blieb aus – dazu fehlte allen Beteiligten auch schlicht die Energie. So einen doofen Journalisten, der dann auch noch nach begangenen Fehlern fragt, den kann man da echt nicht gebrauchen. Überhaupt: Soll der Typ doch erst mal selber Fußball spielen, mal sehen ob er dann immer noch alles kritisiert.

Wir sind hier nicht in der Kreisliga!

Ja nur – der ZDF-Reporter ist eben kein Fußballer, sondern Journalist. Sein Job besteht nicht darin einem Ball hinterher zu hechten und dafür eine Millionen-Gage zu kassieren, sondern er soll Sportler interviewen. Bei Herrn Mertesacker handelt es sich im Gegenzug nicht um einen Kreisliga-Spieler aus Hintertupfingen, sondern einen Nationalspieler, der ansonsten beim FC Arsenal kickt und monatlich mehr verdient als ich in meinem ganzen Leben jemals. Was ich damit sagen will? Der gute Mann weiß, dass Presse-Fragen direkt nach dem Spiel zu seinem Job gehören. Der macht das ja nicht erst seit gestern.

Profi-Fußball und die Presse

Man mag sich über Sinn und Unsinn von Sport-Reportern streiten und auch über zu harsche Kritik an der deutschen Mannschaft. Immerhin stimme ich Herrn Mertesacker zu: Besser schlecht gewonnen als schön verloren. Er hätte es nur auch einfach ein bisschen höflicher sagen können. Eines darf man nämlich auch nicht vergessen: Profi-Sportler bekommen definitiv von ihrem Verein oder ihrem Management jemand zur Seite gestellt, der ihnen sagt wie man mit der Presse umgeht. Deshalb klingen die in den Interviews nach dem Spiel auch ein bisschen wie Politiker: Reden viel, klingt irgendwie gut, sagt aber nichts aus.

Job ist Job

Ich gebe übrigens Herrn Mertesacker auch in dem Punkt Recht, dass es das Achtelfinale der Weltmeisterschaft war und keine „Karnevalstruppe“. Mich stört nur diese Glorifizierung seiner „klaren Worte“. Der Typ hat sich einfach massiv im Ton vergriffen und das obwohl er sich eigentlich hätte denken können, dass genau so eine Frage nach so einem Spiel kommen musste. Wie gesagt, der macht das nicht zum ersten Mal. Als Normalsterblicher kann ich auch meine Kollegen nicht anschnauzen, wenn ich irgendwas verpatzt oder einfach einen schlechten Tag habe. Außer ich möchte mich umgehend nach einem neuen Job umsehen.

Der ZDF-Reporter konnte überhaupt nichts dafür, dass die deutsche Mannschaft so kämpfen musste gegen Algerien. Er hatte auch keine Schuld daran, dass Herr Mertesacker fertig mit der Welt war. Sein einziger Fehler bestand darin, dass er den Job gemacht hat für den ihn das ZDF bezahlt: Fußballer nach einem Spiel interviewen. Bei allem Verständnis für Herrn Mertesackers Verfassung und seinem Grant gegen die Kritiker: Er hätte es auch einfach freundlicher sagen können und den Reporter nicht derart unhöflich in den Senkel stellen müssen.

Vielleicht sehe ich das auch nur deshalb so kritisch, weil ich selbst Journalistin bin und weiß, wie es sich anfühlt, für eine „doofe Frage“ einfach mal angeblafft zu werden. Oder nur einsilbige Antworten zu bekommen. Gibt Schöneres, das kann ich euch sagen.

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