#YesAllWomen

Ich hatte bisher immer Glück. Zwar dürfte ich mich schon öfter mal als „Miststück“, „Schlampe“ oder „frigide“ beschimpfen lassen weil ich männliche Avancen ausschlug, aber das waren alles verbale Attacken. Wie auch immer geartete körperliche Übergriffe blieben bisher aus und dafür muss man als Frau ja schon irgendwie dankbar sein.

Nein, ich hasse Männer nicht. Aber selbst wenn ich das täte, es würde gar keinen Unterschied machen. Egal was ich schreibe, es gibt immer diese Idioten, die mir über Twitter oder Facebook Nachrichten schreiben und mich für die Verwendung des Hashtag #YesAllWomen beschimpfen. Ob ich also Männer hasse oder nicht ändert nichts an der Realität, dass sich tatsächlich jede Frau beinahe täglich mit Dingen wie Alltags-Chauvinismus und Schlimmeren auseinandersetzen muss. Das haben wir nur irgendwann als gegeben akzeptiert.

Was bedeutet #YesAllWomen?

Der Hashtag entstand als Reaktion auf einen Amoklauf in Kalifornien: Ein junger Mann namens Elliot Rodgers erschoss sieben Menschen und nahm sich dann selbst das Leben. Zuvor veröffentlichte er auf YouTube ein Video in dem er folgende Worte in die Kamera sprach:

„Morgen ist der Tag, an dem ich meine Rache an der Menschheit verüben werde. Gegen euch alle. Seit ich in der Pubertät bin, bin ich gezwungen in Einsamkeit, Ablehnung und unerfüllter Begierde zu leben. Mädchen haben mit anderen Männern geschlafen oder sie geliebt, aber ich ging leer aus. Ich bin 22 Jahre alt und noch immer Jungfrau. (…) Ihr Mädchen habt euch nie für mich interessiert. Ich weiß nicht warum. Ich werde euch alle dafür bestrafen. Ich bin der perfekte Mann, und ihr schmeißt euch trotzdem an diese ganzen anderen dämlichen Typen ran. (…) Am Tag meiner Rache werde ich ins Gebäude der heißesten Studentinnenverbindungen meiner Uni gehen und ich werde jede einzelne blonde, verwöhnte Schlampe abschlachten, die ich dort sehe. (…)”

#YesAllWomen ist das Pendant zu #NotAllMen – einem Hashtag der besagt, dass nicht alle Männer Arschlöcher, gewalttätig oder Vergewaltiger sind. Dass es auch „gute Kerle“ gibt. Dem stimme ich vollkommen zu. Aber bei #YesAllWomen geht es nicht um Männer sondern um Frauen. Es geht darum, dass jede Frau sich schon mal mit sexistischen Sprüchen, Chauvinismus, Beschimpfungen, Bedrohungen und Gegrabsche auseinandersetzen musste. Dass jede Frau Gewalt durch Männer zu befürchten hat. Jede Frau muss damit fertig werden, dass unsere Gesellschaft immer noch in der Geisteshaltung festhängt, es läge an der Frau durch ihr Aussehen und ihr Verhalten das Glück des Mannes sicherstellen.

Twitter, #YesAllWomen

„#YesAllWomen – Weil wir lieber Mädchen in Selbstverteidungskurse schicken, statt Jungs beibringen, uns respektvoll zu behandeln.“

Als ich elf Jahre alt war hat meine Mutter vorgeschlagen, ich sollte doch mal einen Karatekurs machen. „Es schadet nie wenn man weiß, wie man sich verteidigt“, sagte sie damals. Unausgesprochen blieb dabei etwas ganz anderes, eine Tatsache die wir beide als selbstverständlich akzeptierten: Nämlich, dass ich lernen sollte mich gegen einen Mann zu verteidigen. Konsequenterweise lernten wir Mädchen auch innerhalb des ersten Jahres in Karate genau das: Wie man sich gegen einen Angriff von jemandem der größer und stärker ist als man selbst, erfolgreich zur Wehr setzt. Gegen einen Mann.

Twitter, Friendzoned

„#YesAllWomen – Weil „friendzoned“ eigentlich nur bedeutet: „Sie will keinen Sex mit mir OBWOHL MIR DAS ZUSTEHT“ – und ich höre das jeden Tag.“

„Friendzoned“ ist ein Begriff, der vor ein paar Jahren aufkam. Er bedeutet, dass man auf eine Frau steht die diese aber Gefühle nicht erwidert, einen aber doch gern genug für eine Freundschaft hat. Damit steckt man(n) dann in der „Freundeszone“ fest. Der Logik nach müsste man(n) ja nun erkennen, dass man(n) sich selbst in diese Opferrolle gepackt hat – aber nein: Die böse Frau ist schuld. Sie hat den Mann nämlich verschmäht, das „oberflächliche Miststück“, die „blöde Schlampe“ usw. Viele Männer gehen anscheinend ja ganz offensichtlich davon aus, dass jede Frau sie sexuell attraktiv zu finden hat. Tut sie das nicht, hagelt es Beleidigungen – im besten Fall. Im schlimmsten Fall kommt es zu körperlichen Übergriffen.

Twitter, YesAllWomen,

„#YesAllWomen – denn wenn ein Mädchen in der Öffentlichkeit von einem Fremden angemacht oder sogar begrabscht wird, sagt man uns, wir sollen es als „Kompliment nehmen“.“

Liest man sich mal durch, was die Frauen unter #YesAllWomen so posten, dann wird sogar mir schlecht. Denn ja – ich kenne alles. Den Chauvinismus im Alltag, die sexistischen Kommentare von Kollegen oder Bekannten und auch die körperlichen Übergriffe – diese zumindest bei Freundinnen.

Wir Frauen haben das irgendwie als „Alltag“ akzeptiert: Dass man beim Weggehen z.B. immer irgendwann eine Hand am Arsch oder auch wo anders hat. Dass einem der Chef sagt, man könne ja einen Swimmingpool in den Eingangsbereich stellen und dort mit den Kolleginnen nackt baden – das gefiele zukünftigen Kunden sicher (Nein, kein Scherz). Dass es in jeder Firma immer diesen einen Kollegen gibt, der auf der Firmenfeier nach dem zweiten Bier „sehr zutraulich“ wird. Dass kurze Röcke oder Shorts im Sommer IMMER zu anzüglichen Kommentaren führen – komischerweise rennen Bauarbeiter bei 30 Grad in Mini-Shorts und sonst nichts herum, aber da regt sich keiner auf. „Männer sind halt so“, heißt es dann.

Twitter, Feministin,

„#YesAllWomen – weil „du klingst wie eine Feministin“ sollte keine Beleidung sein.“

Wir Frauen sollen süß aussehen, viel lächeln, nicht widersprechen und am besten jeden Porno nachstellen können. Die „männerhassenden Feministinnen“ die sich da auf mit #YesAllWomen aufregen, die übertreiben doch nur maßlos. Außerdem, es sind ja nicht alle Männer so – und ja, nochmal: Das stimmt. Es gibt auch Männer, die Frauen respektieren, keine Angst vor starken Frauen haben und nicht gewalttätig werden – wahrscheinlich sogar mehr als es Arschlöcher gibt. Leider hilft mir dieser Gedanke nicht viel, wenn ich abends im Dunkeln alleine heimgehe und plötzlich jemand hinter mir läuft.

Twitter, Vergewaltigung

„#YesAllWomen – weil wir nach einer Vergewaltigung immer noch die Frau fragen, was sie falsch gemacht hat und nicht den Vergewaltiger.“

Sicher – es muss kein Vergewaltiger oder Räuber sein – in meinem Fall handelte es sich immer jemand, der halt zufällig denselben Weg hatte wie ich. Bei einer Freundin von mir nicht und sie überlebte die Prügel und die Vergewaltigung gerade so, von den seelischen Narben ganz zu schweigen. Ihr Verbrechen? Sie ging abends alleine nach Hause – von der U-Bahn 100 Meter auf einer beleuchteten Straße. Die Polizei fragte sie als Erstes, was sie „sich dabei gedacht habe“ und ob sie nicht wisse „wie gefährlich so etwas ist“. Das Ganze passierte an einem Wochentag um 21 Uhr, meine Freundin befand sich auf dem Heimweg von der Arbeit.

Es stimmt, nicht alle Männer sind so. Ich habe genug männliche Freunde die das Gegenteil beweisen. Aber wie die Diskussion rund um #YesAllWomen zeigt, gibt es noch genug Chauvinisten und Arschlöcher da draußen, die sexistische Kommentare und Beschimpfungen völlig okay finden. Die tatsächlich sagen „sie wollte es“ weil das Mädel, das hinter der Disco vergewaltigt wurde, immerhin im kurzen Minirock auf der Tanzfläche stand. Das hat den Vergewaltiger halt provoziert. Ja, denken wir mal bitte kurz über diese Logik nach.

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