Ekel-TV auf Twitter

Es gibt so Dinge, die angeblich ja NIEMAND macht: Die Bild-Zeitung lesen zum Beispiel oder Casting-Shows / Dschungelcamp schauen. Interessanterweise weiß dann aber irgendwie doch jeder Bescheid, was so passiert ist. Während man sich im „echten Leben“ noch auf „hab ich gehört“ rausredet, nimmt das Ganze im Internet völlig neue Dimensionen an.

Samstagabend, 23 Uhr auf Twitter – die Top-Trends des Abends für Deutschland lauten: #ibes (Ich bin ein Star) und #Dschungelcamp. Jemand namens Larissa macht sich offenbar zum Affen. Zumindest schreiben gefühlte 80 Prozent meiner deutschsprachigen Timeline im Zehn-Sekunden-Takt irgendwas über diese Larissa. Ich bin ein wenig schockiert und überlege kurzzeitig, ob ich nicht doch den Weißwein gegen die Flasche Bacardi eintausche, die seit Jahrzehnten im Schrank vor sich hingammelt. Was zur Hölle passiert da gerade?

Kollektive Selbstverblödung 2.0

Nun gebe ich ja gerne zu, dass ich generell ein wenig naiv bin. Ich denke immer erst einmal das Beste von Menschen – zumindest bis ich sie besser kennenlerne. Auf einer Plattform wie Twitter geht das ja nun eher schlecht. Deshalb gewähre ich den Leuten, die freiwillig meinem täglichen Wahnsinn folgen, erst einmal einen kleinen Vertrauensbonus. Nach besagtem Samstag frage ich mich allerdings, ob der deutschsprachige Teil meiner Timeline wohl auch die Bild liest und RTL für echtes Fernsehen hält. Und das wiederum macht mir dann doch ein wenig Angst.

Social Media Entfremdung

Im echten Leben würden die Leute sicher nie so ausführlich und intensiv die Geschehnisse des Dschungelcamps diskutieren. Oder sagen wir so: Niemand den ich kenne. Aber gerade auf Plattformen wie Twitter fällt diese persönliche Ebene komplett weg. Auf Facebook hat man ja meistens schon den ein oder anderen „Freund“, den man dann doch irgendwie persönlich kennt. Auf Twitter beläuft sich die Zahl meiner über 300 Follower die ich wirklich mal „in echt“ gesehen habe auf genau sechs. Und voll viele davon kommentieren auf einmal hämisch das Dschungelcamp.

Brave new world

Ich will ja nun niemanden vorschreiben, wie oder mit was er seinen Samstagabend verbringt. Aber mir macht so etwas trotzdem ein bisschen Angst. Klar – irgendwo muss RTL die Einschaltquoten fürs Dschungelcamp herbekommen, das weiß ich schon. Und logisch – das bedeutet, dass SEHR viele Leute in Deutschland den Rotz gucken. Genauso wie die Millionen von Bild-Lesern irgendwo in Deutschland leben und die fast 50 Prozent, die Merkel wiedergewählt haben.

Ich weiß, dass wir uns systematisch selbst verblöden – uns zu Tode amüsieren. Aber wenn wir es dann so demonstrativ zur Schau stellen, dann bekomme ich doch etwas Angst.

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