Retrospektive

Manchmal wünsche ich mir ja, ich würde tatsächlich an eine Hölle glauben. Dann könnte ich nämlich guten Gewissens folgenden Satz sagen: „Es gibt einen spezielle Platz in der Hölle für die Leute, die einem schon vorab das Ende verraten.“ Spoilern nennt sich das auf Denglisch und es gibt echt kaum etwas Fieseres.

Ich habe vor etwa zwei Wochen meine Liebe zur TV-Serie „Sherlock“ entdeckt – gut, eigentlich hat mich mein Fan-Liebe zu Benedict Cumberbatch zum Gucken getrieben, aber das spielt ja keine Rolle. Jedenfalls lief gestern die letzte Folge der dritten Staffel „Sherlock“ in Großbritannien und heute Morgen wusste ich nach fünf Minuten auf Twitter quasi ALLES. Tja, jetzt kann ich’s mir fast schon sparen, mir die Folge heute noch anzuschauen.

Spoilern: Die Rache

Früher mit 16 – so etwa kurz nach der grauen Steinzeit – war das mit dem Spoilern ja noch witzig. Wenn da so ein Ekelpaket vor einem an der Kasse in der Videothek stand und sich „The Sixth Sense“ ausleihen wollte und man beim Eintippen der Kundendaten unschuldig fragte: „Kennen sie den Film schon“. Lautete die Antwort „Nein“ konnte man noch zwei Sekunden die süße Rache über „inkompetente Mitarbeiter“ oder andere Kommentare genüsslich auskosten, um dann hämisch zu antworten: „Ja, toller Film. Am Coolsten finde ich, wie man erst ganz zum Schluss erfährt, dass Bruce Willis ein Geist ist.“ Heutzutage wüsste das vermutlich schon jeder lange BEVOR er überhaupt das Kino betritt.

2013 – und wir wussten es eh alle vorher

Das letzte Mal, dass mich ein Film oder eine Serie echt überraschend überrascht hat, war vermutlich wirklich „The Sixth Sense“. Ich meine, sonst hagelt es doch Spoiler von allen Seiten: Die „Mutter“ von „How I Met Your Mother“ konnte man am Tag nach der Ausstrahlung in den USA nicht nur auf Facebook, Twitter und Co. bestaunen, sondern auch gleich auf Buzzfeed inklusive Hintergrund-Fakten zur Schauspielerin. Bei „Star Trek Into Darkness“ erfuhr man schon Monate im Voraus, dass Benedict Cumberbatch tatsächlich Khan Noonien Singh spielte. Alles über das „Red Wedding“ in der dritten Staffel „Game Of Thrones“ gab es schon zwei Stunden nach Ausstrahlung quasi ÜBERALL nachzulesen. Nur um einige Beispiele zu nennen.

Vernetzt und doch ahnungslos?

Gut, mancher mag nun dagegenhalten: WENN man denn erstens des Englischen mächtig und sich zweitens viel und häufig im Internet herumtreibt. Aber mal ehrlich: Auch Leute die ihre Zeit weniger exzessiv auf verschiedenen englischsprachigen Magazinen und Blogs als ich, können den Spoilern nicht entgehen. Einmal am Tag Twitter – hier stand #Sherlock unter den zehn Twitter-Trends – oder Facebook aufmachen oder zwei Minuten auf 9gag verbringen und schon weiß man ALLES. Dafür reicht sogar das Schulenglisch der Hauptschule aus.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht ob es daran liegt, dass ich älter werde oder ob ich berufsbedingt einfach an Informations-Overflow leide, aber irgendwie finde ich das alles schade. Wir leben global so vernetzt und sind quasi IMMER online, so dass jede Information (theoretisch) sofort überall ankommt. Das macht vieles einfacher – aber es nimmt auch den Zauber. Nichts überrascht uns mehr so wirklich und um in Ruhe eine TV-Serie zu Ende zu schauen, muss man sich schon tunlichst aus diversen Social Media-Kanälen fernhalten.

Früher war es…irgendwie echter

Irgendwie vermisse ich manchmal die Zeit, als man sich per Telefon verabredete und dann auch WIRKLICH zum vereinbarten Zeitpunkt am vereinbarten Ort erscheinen musste. Oder auf englischsprachige Bücher einen Monat im Buchladen warten musste. Oder fiese Kunden in der Videothek ärgern konnte. Oder sich auf „Sherlock“ zu freuen, ohne die wichtigsten Details schon vorab zu kennen. Vielleicht werde ich aber auch tatsächlich einfach nur alt…

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