Bitte geh weg – oder bitte, bleib

(c) D. ReichertEine Nachricht die mit „Bitte sei nicht sauer, aber…“ beginnt, kann eigentlich nichts Gutes verheißen. Aber zwischen nicht gut und einem Tritt in die Magengrube liegen in der Regel Welten. Ein Schlag mit dem sinnbildlichen Vorschlaghammer und nur einer einzigen Frage: Warum?

Manche schlechten Erinnerungen oder Erfahrungen verblassen mit der Zeit. Sie verschwinden in einem mentalen Grab, das man gelegentlich wieder aufsucht, um sich zu erinnern und dieselben Fehler zu vermeiden. Aber dann gibt es Verletzungen die tiefer gehen. So tief, dass man verzweifelt versucht sie irgendwo in der dunkelsten Ecke des Geistes zu verscharren. Dort, wo man glaubt, schaue man sicher niemals mehr freiwillig nach.

Doch „niemals“ endet immer wieder mit der ewigen Frage, was gewesen wäre wenn. Und manche Verletzungen – manches Bereuen – geht zu tief, um es je zu vergessen. Vor allem, wenn es weitere Kreise nach sich zog, als nur die eigenen Verletzungen. Am schlimmsten wiegt immer das Bedauern vor den Dingen, denen man versuchte sich zu entziehen. Nur leider nutzt Weglaufen nichts, denn irgendwann holt jeder Geist wieder auf.

Einer dieser Geister fing mit einer Nachricht und den Worten: „Bitte sei nicht sauer, aber…“ an. Es folgte ein Name aus einer längst vergangen geglaubten Zeit, der alte Wunden erneut aufriss und schließlich dem Vorschlaghammer. Von der Ferne einer Erinnerung bist du nun in unmittelbare, beinahe greifbare Nähe gerückt. Und du sagst, es tut dir leid.

Dieselben Worte, die du eine Ewigkeit zuvor schon gesagt hast. Es tat dir leid, aber du könntest mir nicht geben, was ich brauche. Sie habe etwas zerbrochen, das sich nicht mehr zusammensetzen ließe. Das ich mehr verdiene und überhaupt, ich sei ja noch so jung. Worte, die mir das Herz zerrissen und nur einen Ausweg zuließen: Die Flucht.

Und dann, der Tag des Abschieds, welcher der Abschluss eines fehlgeschlagenen, überstürzten Experiment sein sollte – bis du kamst und alles niederrisst. Es tut dir leid, sagtest du, so leid, aber du müsstest das jetzt sagen: Ich glaube, ich liebe dich. Aber jetzt konnte ich nicht mehr. Also drehte ich mich um und floh nach Hause. Ich brauchte Jahre, um deinen Namen auch nur denken zu können ohne innerlich zu zerfließen. Noch länger, um überhaupt mit jemand über dich zu reden.

Weil sie mich verbrannte, die Frage, ob ich nicht hätte bleiben sollen. Manchmal tut sie das heute noch und ich frage mich, ob ich nicht doch umdrehen könnte, nach all den Jahren. Aber so bin ich nicht, so kann ich nicht sein. Ich rücke niemals von einer einmal getroffenen Entscheidung ab. Manche nennen das stur, weniger Höfliche sogar dumm – ich halte es eher für Selbsterhaltungstrieb. In dir hätte ich mich beinahe selbst verloren. „Ich glaube“, reichte da einfach nicht.

Fakt ist, du warst und bist bis heute der Erste, bei dem ich es nicht sagen konnte, weil es mir zu viel Angst machte. Was bedeutet, es war vermutlich das einzige Mal, dass ich es wirklich gefühlt habe. Später konnte ich es immer sagen – wollte es glauben – und tat es doch nie. Nicht auf die Art, die einzige Art, die zählt. Und alles was dir einfiel war Bedauern und eine Vermutung. Das reichte nicht. Tut es immer noch nicht.

Aber nun, nach all der Zeit, all dem Bedauern, den fixen Ideen, den begangenen Fehlern und gescheiterten Versuchen – jetzt hast du getan, was ich mich nie getraut habe. Du bist zu mir gekommen, der zweite Geist, der aus einem Grab steigt, das ich längst vergessen glaubte. Ein weit realerer Geist sogar als der Erste.

Aber meine Antwort bleibt dieselbe: Ich kann nicht. Es hat Jahre gedauert um zusammenzuflicken, was du zerrissen hast. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es nicht nochmal überlebe. Der melodramatische Keks, ich weiß. Aber lieber verrückt und ein bisschen einsam, als zerrissen und allein.

Es tut dir leid, sagst du. Aber das reicht nicht. Immer noch nicht.

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