Die Kinder-Ehen-Illusion

Manche Gegebenheiten verändern sich irgendwie nie. Egal ob man 9, 19 oder 29 Jahre alt ist. Immer wieder muss man sich den gleichen Fragen stellen und sich den gleichen, immer noch hinkenden, Vergleichen von und mit seiner Umwelt gefallen lassen. Immer wieder kommt das scheinbar unvermeidliche „Und- was machst du so?“.

Mit 9 Jahren fiel die Antwort darauf noch recht leicht – da „macht“ man auch noch nicht sehr viel mehr als spielen und manchmal Hausaufgaben. Mit 19 ist sie schon nicht mehr ganz so leicht. In meinem Fall lautete sie: „Nichts, aber das mit Leidenschaft.“ Stimmt ja auch, mein konsequentes Planungs- und daraus resultierendes Entscheidungsproblem hielt mich vom „Machen“ ab. Also tat ich einfach mal lange Zeit gar nichts – außer an einer Tankstelle zu jobben und jedes Wochenende auf irgendeiner Party verbringen.

Mit 29 bekommt die Frage aber dann ganz andere Dimensionen. Vor allem wenn der Rest der Welt offenbar so wahnsinnig viel mehr macht oder gemacht hat. Und zwar wortwörtlich. So bombardieren mich Freunde aus Kindergarten- und Schul-Tagen in letzter Zeit gefühlt täglich auf der Seuche namens Facebook mit Hochzeitsfotos und den Bildern von mindestens ein bis drei bis fünf (!!!) Kindern. Es ist nicht so, dass mich das stört, weil ich neidisch wäre. Nein, was mir auf die Nerven geht ist die Tatsache, dass jeder irgendwie Neid von mir erwartet.

Immerhin bin ich ja jetzt seit zwei Monaten 29 Jahre alt – das letzte Jahr vor der 30 – wie mich jeder freundlicherweise an meinem Geburtstag erinnerte. Im Grunde interessiert mich aber auch das nicht wirklich. Ich weiß warum ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe und warum sich daran auch in absehbarer Zeit nichts ändern lässt. Einer der Hauptgründe: In vielen Bereichen quälen mich noch immer dieselben Probleme wie mit 19 Jahren. Gut, ich weiß mittlerweile womit ich mein Geld verdienen will und auch, dass Deutschland definitiv keine Option ist. Aber damit hat es sich auch schon.

Wo ich mich in zehn Jahren sehe? Äh – weit weg, hoffentlich. Was meine Pläne für die Zukunft sind? Äh – glücklich sein. Ob ich einen Kinderwunsch habe? Äh – ehrlich gesagt würde mir DER Eine für den Anfang reichen, könnten sie ihm das wohl sagen? Ein Hund wäre auch toll. Gut ich gebe zu, manchmal beneide ich Leute mit Plänen und Perspektiven schon ein wenig. Aber was kann ich schon dafür, dass das mit der Liebe nicht so recht klappt und mein erklärtes Lebensziel nicht darin liegt mich fortzupflanzen?

Nicht falsch verstehen, ich finde es nicht schlimm dass viele Frauen aus meiner Kindheit mittlerweile hauptberuflich Mama sind und mindestens ein Kind haben. Im Gegenteil, ich gönne ihnen das Glück und hoffe, ihre Ehen / Beziehungen bleiben bestehen. Aber es wäre nichts für mich. Allein bei dem Gedanken, ich säße jetzt daheim mit einem Kind, löst bei mir eine Mischung aus Panikattacke und Übelkeit aus. Vielleicht, weil ich Grunde immer noch ein fast 30-jähriges Mädchen bin.

Aber in unserer Gesellschaft ist es so, dass „in meinem Alter“ die Erwartungen steigen. Mit 30 sollte man es als Frau schon auf eine – wenn schon nicht Ehe – dauerhafte Partnerschaft gebracht haben. Oder es zumindest zu seinem erklärten Lebensziel gemacht haben. Der stark ausgeprägte Kinderwunsch natürlich inklusive. Jede Frau hat angeblich das dringende Bedürfnis sich zu binden, ein Nest zu bauen und sich zu vermehren. Geht einem all das ab, betrachtet einen das Umfeld mitleidig und schüttelt den Kopf. „Armes Mädel, bekommt einfach keinen ab.“

Irgendwie sollen wir alle ein bisschen sein wie Bridget Jones – immer auf der Suche und stets bereit uns für die „wahre Liebe“ völlig zum Affen zu machen. Selbst wenn die „wahre Liebe“ sich als Arschloch Daniel Cleaver herausstellt, die Suche nach Mark Darcy geht weiter. Tut mir leid, aber die Jagd auf Mr. Right muss warten, bis Mr. Not-So-Right endlich kapiert, was ich mit meinen unzähligen Subtexten meine. Und überhaupt – wie könnte ich die Verantwortung für ein anderes Leben auf mich nehmen, wenn ich schon Probleme mit dem eigenen habe?

Es ist einfach Blödsinn, dass man immer einem gewissen Bild zu entsprechen hat und sich stets mit denselben stereotypen Fragen herumschlagen muss. Es stimmt schon, einige Frauen betrachten ihre Kinder und Ehen als das größte, erstrebenswerteste Glück auf Erden – und das ist auch völlig okay. Aber es sollte genauso okay sein, wenn dem nicht so ist. Ich will nicht irgendeiner gesellschaftlichen Illusion entsprechen müssen. Auch nicht mit fast 30 Jahren.

3 Gedanken zu “Die Kinder-Ehen-Illusion

  1. Da ich Mitleid mit Dir habe ;-), will ich Dir ein wenig Entspannung verschaffen, indem ich Dir einen etwas späteren Alles-muss-fertig-sein-Termin gebe.
    Bei mir hat’s auch erst mit 33 angefangen Klick zu machen, und dann auch gaaanz langsam.

    • Du hast mich falsch verstanden – ich habe keine Torschlusspanik oder anderes. Mich nervt nur, dass der Rest der Welt erwartet, ich hätte welche 😉

  2. Super Text! Du sprichst mir aus der Seele! Ich bin dieses ewige Nachhorchen, diese Erwartung, ich müsste doch auch langsam mal machen oder zumindest vor Kummer zerfliessen, weil ich es eben noch nicht „mache“, ziemlich leid. Ich habe beschlossen ewig 25+ zu bleiben. Nicht weil ich Angst vor dem Altern habe, im Gegenteil, das bereitet mir überhaupt keine Probleme, aber weil ich diese Konfrontation scheue, weil auch ich keiner gesellschaftlichen Illusion entsprechen will, sondern höchstens meiner eigenen und die spinne ich mir gerne täglich neu!

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