Anti-Hardcore-Vegetarier oder der Kampf mit der Toleranz

(c) M. ReichertStereotypes are a bitch! Wie wahr – vor allem dann, wenn man sich konsequent weigert, sich in die Reihe der Stereotypen einzureihen. Dann kann nämlich auf einmal niemand mehr etwas mit einem anfangen, egal ob total Fremde, Arbeitskollegen, wirklich enge und gute Freunde oder sogar die eigene Familie. Warum ich von Stereotypen anfange? Tja, ich bin Vegetarier.

Das Erste was den meisten Leuten beim Wort Vegetarier einfällt? Hippies und Hardcore-Aktivisten, beziehungsweise grundsätzlich Leute die sich gerne streiten. Mein Problem? Ich bin kein Hippie, ich demonstriere „nur“ für Dinge die meine persönliche Freiheit betreffen und ich streite nicht gerne. Was nicht bedeutet, dass ich keine Diskussionen mag – aber die meisten Leute diskutieren nicht, sondern führen Streitgespräche. Leider fordert man mit dem Satz: „Ich esse kein Fleisch“ genau diese sinnlosen Grundsatzdiskussionen heraus.

Ich gebe ja zu, ich kenne auch einige Hardcore-Vegetarier. Leute, die dir bei jeder Gelegenheit unter die Nase reiben, dass sie ja kein Fleisch essen und innerhalb von zehn Minuten jede Unterhaltung auf die Essgewohnheiten lenken, um dann einen Streit vom Zaun zu brechen. Darüber wie die Welt angeblich wegen den bösen Fleischessern untergeht. Das sind dann auch die Leute, die fleißig Tofu, Seitan und anderen Fleischersatz essen. Weil sie im Grunde irgendwie ja doch gerne Fleisch essen würden, aber Vegetarier und Hippie- beziehungsweise Hardcore-Tum sich einfach nicht vertragen.

Wie gesagt, solche Leute kenne ich und mag sie nicht. Gar nicht. Tofu übrigens genauso wenig – von Seitan habe ich erst kürzlich zum ersten Mal in der Neon gelesen. Ich will aber auch nichts essen was so tut als wäre es Fleisch, weil ich mich noch nicht mal mit dem Gedanken anfreunden kann, etwas zu mir zu nehmen das auch nur so aussieht wie totes Tier.

Ach ja – und die Frage, warum ich Vegetarier bin? Darauf habe ich mittlerweile verschiedenste Antwort-Variationen: Ein Kindheitsbesuch bei einer Schlachterei (bzw. daneben), eine traumatische Erfahrung mit Kälbern am Pferdestall die geschlachtet wurden oder auch die schlichte Aussage, dass mir Fleisch nicht schmeckt. Stimmt alles zum Teil (bis auf das Letzte) ist aber eigentlich nur der Versuch, die ständigen Fragen nach dem warum zu umgehen.

Ich meine, einen „Fleischesser“ fragt doch auch niemand, warum er Fleisch isst, wieso soll ich mich dann jedes Mal rechtfertigen? Der einfache Grund, warum ich – seit ich etwa zehn Jahre alt bin – kein Fleisch mehr esse: Ich kann es einfach nicht und ich muss es auch nicht. Warum sollte ich es also tun? Aber mir ist völlig egal, was andere so essen. Leider scheint diese Toleranz auf mein Umfeld dieselbe Wirkung zu haben, wie ein rotes Tuch auf einen Stier.

Schon allein bei dem Satz: „Sorry ich esse kein Fleisch“, erfolgt in der Regel das tiefe Durchatmen und dann gleich die angriffslustige Frage: „Ach ja – warum?“. Als ob sich die Leute durch die Aussage gleich persönlich angegriffen fühlen oder zu Rechtfertigungen á la: „Ich kann auf Fleisch einfach nicht verzichten“ oder „Man kann auch Tiere mögen und trotzdem Fleisch essen“. Alles richtig aber ich wollte es gar nicht wissen. Auch nett sind die demonstrativen „Fleisch ist geil“-Leute, die mir bei jeder Gelegenheit unter die Nase reiben wollen, was ich denn so verpassen würde. Das sind dann auch die, die gleich zum Angriff übergehen mit Aussagen wie: „Wie kann man sich nur selbst so kasteien?“ oder „Gemüse lebt auch“. Mhm.

Man sollte im Übrigen meinen, dass zumindest Leute die einem nahestehen, meine Entscheidung akzeptieren könnten – aber nein, gerade diese Leute scheinen eine regelrechte Privat-Vendetta gegen mein Vegetariere-Lieben zu führen. So habe ich insgesamt drei Exfreunde die sich während der gesamten Zeit der jeweiligen Beziehungen genötigt sahen, das Thema regelmäßig anzuschneiden. Angefangen bei meiner angeblichen Inkonsequenz – ich esse nämlich Milchprodukte und Eier sowie ab und an Lachs oder Thunfisch (Und ja, ich weiß, dass Fisch auch ein Tier ist, aber darf ich bitte selber entscheiden was ich esse? Danke).

Neben den Exfreunden kommen noch einige Freunde, Mitschüler, Kommunlitonen, Arbeitskollegen oder sogar Familienmitglieder. Viele von ihnen scheinen sich irgendwie genötigt zu fühlen mir andauernd durch Seitenhiebe, blöde Kommentare oder dem Versuch einer Grundsatzdisskussion zu sagen, wie wenig sie meine Entscheidung, kein Fleisch zu essen, verstehen können. Deshalb auch Privat-Vendetta.

Ich persönlich habe keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht liegt es am Unverständnis für mein Vegetarier-Dasein – verstehe ich irgendwo, mir ist auch total unverständlich wie jemand Fleisch essen kann. Nur mit dem Unterschied, dass ich sie lasse. Kommentarlos, streitlos und ohne Seitenhiebe. Weil ich der Meinung bin, dass jeder sein Leben so leben sollte wie er will. Mit oder ohne Fleisch.

Dieser Blog-Artikel bildet übrigens die einzige Ausnahme seit ungefähr 19 Jahren. Aber irgendwann hat auch der geduldigste Mensch mal die Nase voll von dem Blödsinn.

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