Medien vs. Gamer – ein kleiner Sieg

(c) Blizzard Entertainment

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Der erhobene Zeigefinger begleitet uns ein Leben lang. Bereits im Kindergarten soll er uns zeigen, dass wir falsch liegen. Das wir uns ändern müssen. Der Zeigefinger maßregelt und erzieht uns. Soll uns zurückbringen auf den rechten, den gesellschaftlich anerkannten Weg.

Nach der Schule wird der Zeigefinger zwar symbolischer, aber er bleibt immer präsent. Anpassung im Beruf. Benehmen im Alltag. Kompromisse im gesellschaftlichen Leben. Meinungsmache in den Medien. Und niemand kann sich dem vollständig entziehen. Jede Meinung und jedes Verhalten beruht zum Teil (mal größer und mal kleiner) auf dem, was uns unserer Umfeld glauben machen will.

Jeder, der gegen dieses Regelwerk verstößt der wird zum Außenseiter. Manche nur ein bisschen und andere sehr viel mehr. Einige arrangieren sich damit, nicht wenige empfinden sogar Stolz dabei, anders zu sein. Doch Außenseiter haben es nicht leicht mit ihren Mitmenschen. Denn nichts fürchten wir Menschen mehr als das Unbekannte, dass wir nicht verstehen.

Und so gehen wir oft gegen diese Außenseiter vor. In der Schule werden sie belächelt, im schlimmsten Fall beleidigt und ausgegrenzt. Oft meiden ihre Mitmenschen sie auch im Beruf oder Studium. Doch der Mensch ist ein Herdentier und so sucht sich jeder „Freak“ irgendwann Gleichgesinnte. In der realen Welt oder auch in der virtuellen Welt. Und manchmal – vor allem im Internet – kommt es vor, dass die ehemaligen Außenseiter eine ganze Menge neuer Freunde finden. Eine dieser Communities bilden die Gamer.

Eine Leidenschaft für PC- und Videospiele können aber Außenstehende oft nur schwer nachvollziehen. Jetzt ist der Mensch aber nicht nur ein Herden- sondern auch ein Gewohnheitstier. Um es mit anderen Worten zu sagen: Stinkfaul. Warum sich selbst eine Meinung bilden? Warum selbst nachdenken? Genau an dieser Stelle kommen unsere Medien ins Spiel. Die betreiben ja längst keinen Journalismus mehr, sondern Meinungsmache – desöfteren sogar gegeneinander (Stichwort: SPIEGEL vs. BILD).

Heutzutage erklären Verlage wie AxelSpringer (BILD, Welt) und Privatsender die RTL Group oder Pro7Sat1Media einem Großteil der Menschen in Deutschland die Welt (wer sich übrigens der Illusion hingibt, in anderen Ländern wäre das anders, der betrachte einfach mal den Murdoch-Skandal in Großbritannien). Für diese Medien gelten nur zwei Grundregeln: 1. Sex sells und 2. Wenn es gerade keine Sex-Themen gibt, dann muss provoziert werden. Und das macht man besten, indem man sich die Außenseiter vornimmt.

Und eine der wohl weltweit größten Communitys haben sich unsere Medien dann letzte Woche vorgenommen: Die Gamer. Erst packte BILD mal wieder den erhobenen Zeigefinger aus und schwadronierte über „Killer-Spiele“ auf der gamescom. Dann legte Pro7 mit einem Taff-Beitrag nach, auf dem ein „Penthouse Pet“ (was immer das sein soll) vor der Kamera so äußert:

„Der typische Nerd kann man so sagen…die meisten leben ja noch bei ihren Eltern, ähm, die hocken 24 Stunden am Tag vor der Kiste und spielen nur, sozusagen.“

Nach dieser verbalen Entgleisung geht’s dann über die Messe – nur um festzustellen, dass die Gamer so gar kein Interesse an der Dame mit der violetten Perücke haben. Die stehen – man glaubt es kaum – doch lieber drei Stunden für ihre Spiele an. Ist ja irgendwie auch der Grund, warum sie auf der Messe sind. Ich meine, würde irgendjemand auf die Idee kommen, einen Konzertbesucher zu fragen, ob er nicht Lust habe auf den Auftritt seiner Idole zu verzichten und lieber mit so einer Dame einen Kaffee trinken zu gehen? Ich vermute mal nein.

Nach BILD und Taff schoss aber dann RTL den Vogel ab und ließ eine Hostess vor laufender Kamera über Gamer herziehen. Die BILD- und Pro7-Geschichte hat die Gamer-Szene noch verschlafen, aber RTL Explosiv sahen dann wohl einige. Und dieses Mal krachte es. Zahlreiche Redakteure von Gaming-Magazinen, darunter Giga, Gamona und GameOne machten ihrer Verärgerung Luft und einige forderten die Gamer auf, sich bei der Programmaufsicht zu beschweren. Anonymus drohte RTL mit Konsequenzen und rief zum Boykott auf und kurz darauf legten Hacker die RTL-Webseite lahm. Über 8000 Beschwerden gingen ein und die Landesmedienaufsicht prüfte den Fall.

Am Ende ruderte RTL zurück und entschuldigte sich, ebenso wie der verantwortliche Redakteur Tim Kickbusch – nachdem er zuvor nochmal nachgetreten hatte. Dieses Mal kam der erhobene Zeigefinger nicht von den Meinungsmachern, sondern den Außenseitern. Mit Erfolg. Es bedeutet zwar nicht, dass sich bei RTL oder anderen Medien deshalb etwas ändert – die goldenen Regeln der Trash-Medien bleiben bestehen. Aber diese Aktion zeigt was möglich ist, wenn man sich wehrt. Wenn man die Beleidigungen und Verunglimpfungen nicht einfach hinnimmt.

Wer laut genug schreit, der wird irgendwann Gehör finden. Und uns hat man in dieser Woche gehört. Laut und deutlich.

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