Mein Feind, der Mensch

(c) Morgue File

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Ein Feind muss her. Ein Bösewicht, dem man die Schuld geben kann. Ein Monster, das ein anderes Monster erschuf. Das liegt in der menschlichen Natur. Wann immer ein Volk, eine Nation oder auch die ganze Welt sich mit einer von Menschen gemachten Katastrophe konfrontiert sieht, muss es dafür einen Schuldigen geben. Denn wenn die Menschen eines nicht begreifen können, dann ist es Willkür und die damit einher gehende Sinnlosigkeit. Wir brauchen etwas oder jemand, der Schuld ist.

Eine der großen Konstanten in der Geschichte der Menschheit, ist die Tatsache, dass wir nichts dazu lernen. Immer wenn die Menschheit sich mit einer Krise jeglicher Art konfrontiert sieht, dann wählt sie den einfachen Weg. Und einfach bedeutet immer: Das, was die große Masse nicht genauer kennt. So avancierten schon die Christen zu Brandstiftern, Heilkundige zu Hexen, Juden zu Parasiten, Muslime zu Terroristen und ja – Freaks und Gamer zu Amokläufern.

Als 1999 in Columbine (US-Bundesstaat Colorado) zwei Jugendliche ausrasteten und zwölf ihrer Mitschüler ermordeten, begann die Frage nach dem warum: Warum tun Menschen so etwas? Dicht darauf folgte die Frage: Wer oder was ist dafür verantwortlich. Die Antwort auf diese Frage ist kompliziert. Die Medien berichteten später eine Menge über diese Täter: Dass sie Außenseiter waren – Freaks nannten Mitschüler sie – und das andere Schüler sie oft hänselten und quälten. Dieses Mobbing resultierte schließlich in einem so großen Hass, dass die beiden ausrasteten.

Was dabei ungesagt bleibt: Ein derartiges Verhalten ist schlicht und ergreifend nicht normal. Wenn jedes Opfer von Hänseleien und gezielten Grausamkeiten durch Mitschüler – später vielleicht auch Kommilitonen, Kollegen oder sogar Arbeitgebern – zum Amokläufer würde, dann gäbe es vermutlich deutlich weniger Menschen auf der Welt. Wenn zudem jeder „Freak“ ausrasten würde, dann gäbe es wohl so gut wie gar keine Menschen mehr in der westlichen Welt. Es muss also, um zu derartigen Ausrastern zu kommen, mehr als „nur“ Mobbing vorliegen. Und wenn man sich die ganzen Schul-Amokläufer betrachtet, dann tut es das tatsächlich.

Bei den meisten dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen gab es auch in der Familie Probleme. Eltern mit Vollzeitjobs, die kaum daheim waren. Geschiedene oder getrennte Eltern, die aufgrund ihrer eigenen Probleme nicht mitbekamen, wie schlecht es ihrem Kind ging. Lieblose Eltern, die ihr Kind die meiste Zeit über ignorierten. Tote Eltern und Bezugspersonen, die nicht sahen was für ein Trauma die Kinder hatten. Die Liste ließe sich noch beliebig weiterführen. Der Druck aus der Schule, kombiniert mit den nicht gerade einfachen Jahren des Erwachsenwerdens und dem fehlenden familiären Halt – das KANN ein Grund sein, warum ein junger Mann an einen Punkt kommt, wo alles hinter einem Schleier der Wut verschwindet.

Im Übrigen beschränkt sich dieser Schleier der Wut nicht nur auf die männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Nur tendieren Frauen an diesem Punkt eher dazu sich selbst zu verletzen als andere: Wahllose Sexpartner, Drogen, Selbstverstümmelung oder im schlimmsten Fall Suizid. Der Unterschied zu den jungen Männern – sie nehmen nicht noch andere Menschen mit in den Tod.

Ein weiterer Grund für derartige Vorfälle kann – oft auch in Kombination mit den oben aufgeführten Ursachen – eine psychische Krankheit sein. Schizophrenie hat beispielsweise den „Nebeneffekt“ das die Patienten irgendwann nicht mehr zwischen Realität und Wahn unterscheiden können. Oft resultiert das in Übergriffen auf Familie oder Freunde, in einigen Fällen tödlich. Von Schizophrenie abgesehen, gibt es natürlich noch eine ganze Reihe weiterer psychischer Krankheiten, die dazu führen, dass ein Mensch völlig die Kontrolle verliert. Erst Recht, wenn Mobbing durch Mitschüler, die fehlende Stütze der Familie und das Hormonchaos der Teenagerzeit das Ganze verstärken.

Doch was kann man dagegen tun? Was ändern, damit solche Dinge nicht mehr passieren? Die bittere Antwort ist: Nichts. Es gab, gibt und wird immer Verrückte auf dieser Welt geben. Lieblose oder gar gleichgültige Eltern und grausame Jugendliche werden immer existieren. Menschen, die ihre Kinder lieber vor einem Fernseher oder PC parken. Menschen, die nicht erkennen, was in ihren Kindern vorgeht oder es schlicht nicht ernst genug nehmen. Lehrer, die die Warnsignale nicht wahrnehmen. Mitschüler, die ihren eigenen Frust und die eigene Unzufriedenheit an Schwächeren auslassen. All diese Menschen hat es und wird es immer geben.

Das hören wir natürlich nicht gerne. Wir sind Menschen und wir brauchen einen Sinn und das Gefühl, etwas ändern zu können. Also suchen wir uns Sündenböcke: Computerspiele, die angeblich den Geist der Kinder vergiften und ihre Gewaltbereitschaft fördern. Musik mit gewaltverherrlichenden Texten. Wenn sämtliche Gamer oder Metal-Fans dieser Welt ausrasten würden, dann gäbe es vermutlich keine oder nur sehr wenige Menschen auf dieser Welt. Doch die Wahrheit spendet keinen Trost und genau das brauchen wir. Die Opfer, die Angehörigen, die Welt. Daher schreien wir nach Gerechtigkeit, nach Logik und manchmal auch nach Vergeltung. Was wir dabei aber vergessen: Kein Sündenbock dieser Welt macht die Toten wieder lebendig.

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