Mein Feind, der Gamer

(c) Morgue File

(c) Morgue File

Wäre es nicht so unglaublich traurig, dann könnte man wohl über die Inkompetenz unserer deutschen Medien sicher lachen. So hinterlässt die Berichterstattung zu dem Amoklauf in Norwegen nur einen faden Beigeschmack und ja – Wut. Denn neben einem vermuteten Nazi-Hintergrund des Täters soll er natürlich auch Killer-Spiele und Ego-Shooter wie etwa – kein Scherz – World of Warcraft gespielt haben.

Ja, liebe Süddeutsche Zeitung, World of Warcraft heißt übersetzt tatsächlich „Welt der Kriegskunst“, aber deshalb handelt es sich dabei nicht um ein Computer-Kriegsspiel. Eine minimale Google-Recherche von ca. fünf Minuten hätte bereits darüber aufgeklärt, was ein Fantasy-Rollenspiel ist. Aber es kommt noch dicker: Die Hamburger Morgenpost spricht gleich von einem Ego-Shooter-Computerspiel und auch nTV berichtet vom Killer-Spiel World of Warcraft.

Naja, die Proganda-Trommel gegen die Computerspiele wurde ja nun schließlich auch schon lange nicht mehr öffentlich genug gerührt. Schließlich handelt es sich bei den Gamern ja um dieselbe gefährliche Spezies wie bei den Muslimen: Man weiß nie, wann es sie überkommt und sie zur Waffe bzw. zum Sprengstoffgürtel greifen und vom braven unscheinbaren Jungen/Mann zum Amokläufer bzw. Attentäter werden (Für alle denen das jetzt nicht klar war: IRONIE). Und schließlich verleihen die Worte „Killerspiel“ den Berichten ja auch erst die nötige Würze.

Man könnte das jetzt als vorschnelle und übereilige Reaktion auf den Amoklauf abtun. Die Medien wollten halt möglichst schnell irgendwas möglichst reißerisches verfassen – geht ja hier auch um die Klicks bzw. die Auflage. Und ein Nazi-Hintergrund mag ja schön und gut sein, aber das Nazis böse sind, dass weiß ja – hoffentlich – bereits jeder. Ein paar Games verunglimpfen, um wieder einen Sündenbock zu haben, macht das Ganze doch erst interessant.

Aber es handelt sich hier eben nicht um ein „einmaliges Versehen“. Diese neuerliche Berichterstattung zeigt nur einmal mehr die Inkompetenz unserer Medien. So veröffentlichte die sonst durchaus renommierte FAZ im letzten Jahr einen Artikel über den Spielentwickler Remedy. Darin dürfte man folgende Aussage bewundern:

Den Ruhm der 1995 gegründeten Spieleschmiede hat der Vorgänger „Max Payne“ begründet. Die Hauptperson, in deren Rolle die Spieler schlüpfen, ist ein New Yorker Polizist, der sich nach dem Verlust von Frau und Kind auf einen Rachefeldzug begibt. Ein Actionspiel gewiss, aber nach Ansicht von Spielekritikern deutlich weniger gewalttätig und stärker an der Erzählung einer fesselnden Geschichte orientiert als sogenannte Ego-Shooter wie „World of Warcraft“.

Ja, das haben die wirklich so geschrieben. Erst nach massiver Leserkritik änderte die FAZ den Artikel ab und strich World of Warcraft von der Liste der Ego-Shooter. Auch die „Nintendo Playstation“ gibt es mittlerweile nicht mehr. Dieses Beispiel zeigt aber dennoch die völlige Ignoranz, mit der Medien über Computerspiele berichten. In der BILD-Zeitung würden solche Patzer sicher niemand überraschen, aber in der FAZ? Genau wie Anfang des Jahres auch die Reporter von „Akte“ über Abzocke in Online-Games berichteten und sich dafür ausgerechnet ein Spiel aussuchten, das eben keinen Items verkauft, die das Spiel schneller vorantreiben.

Alles ein Versehen? Es gibt ein Sprichwort das besagt: „Kein Zufall passiert zwei Mal“. Damit soll nun nicht wieder die Kiste der „Verschwörungstheorien“ geöffnet werden, aber stellen Sie sich doch mal eine Frage: Wenn unsere Medien schon bei Themen wie Computerspielen so offensichtlicher Propaganda betreiben – was denken Sie, machen die dann bei wirklich wichtigen Themen? Macht einem schon ein wenig Angst, ich weiß.

Ein Gedanke zu “Mein Feind, der Gamer

  1. Ich denke das nimmst du zu ernst. Das sie – also in erster Linie die alteingesessenen Medien – wieder die Computerspiele zum Sündenbock machen wollen, war doch eigentlich vorhersehbar. Ist doch auch eine Charakteristik des Journalismus im Allgemeinen, immer zuerst dem scheinbar nahe liegendem die Schuld zuzuschieben. Irgendwo kann ich das nachvollziehen, denn wenn der Redaktionsschluss droht muss halt schnell eine Story her, tieferes Verständnis hin oder her, gerade bei so aktuellen, also journalistisch hart umkämpften Themen. Journalisten sind halt auch nur Menschen und manchmal halt auch nur Stammtischtäter.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s