Sarrazin und die Intelligenz: Eine Zusammenfassung

Thilo Sarrazin. Ich meine, mir war schon fast klar, dass es immer noch Leute gibt, die tatsächlich denken, der Mann hätte mit seinem Buch „endlich mal die Wahrheit auf den Tisch gebracht“. Aber trotzdem finde ich es dann doch erschreckend wenn sie es wirklich tun. Nicht nur erschreckend, sondern schlimm und bedauerlich.

Thilo Sarrazin hat in seinem Buch einigen Mist geschrieben – von glatten Lügen, was die „Schöpfung von Zahlen“ bei den Statistiken betrifft, bis hin zum nachplappern längst widerlegter Thesen. Eine diesr Thesen ist seine Auffassung von Intelligenz, so schreibt er in seinem Buch: „Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche, natürliche Zuchtwahl im Sinne von ‚survival of the fittest’, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.

Dazu muss man nun erst einmal die Frage klären: Wie definiert man Intelligenz? Genau damit fängt es nämlich an. Geben Sie einfach mal „Intelligenz Definition“ bei Google ein und freuen Sie sich über die Antworten. Hier ein paar Beispiele:

Lexikon Stangl EU:
In der Psychologie hat man sich bis heute nicht auf eine allgemein akzeptierte Definition geeinigt, vielmehr gibt es viele unterschiedliche Intelligenzen: mathematische, sprachliche, technische, musische, sogar soziale und emotionale Intelligenz.

Profilingportal:
Intelligenztheorien: Aufgrund der Vielfalt an Definitionen ist es schwierig, einen Konsens darüber zu finden, was Intelligenz nun eigentlich genau bedeutet. Einige Theorien gehen davon aus, Intelligenz sei ein einheitliches Persönlichkeitsmerkmal, welches aus nur einer einzigen Fähigkeit besteht. Laut anderen Theorien besteht Intelligenz hingegen aus mehreren voneinander unabhängigen Fähigkeiten (z.B. Räumliches Denken, Numerische Intelligenz, Verbale Intelligenz usw.).

Wikipedia:
Intelligenz (von lat. intellegere ‚verstehen‘, wörtlich ‚wählen zwischen…‘ von inter ‚zwischen‘ und legere ‚lesen, wählen‘) ist in der Psychologie ein Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Es gibt keine von allen Psychologen geteilte, eindeutige Definition von Intelligenz. Stattdessen existieren verschiedene Intelligenzmodelle.

Sie sehen also, der einzige Konsens auf den man sich offenbar einigen kann, ist, dass es keine einheitliche Definition von Intelligenz gibt. Allgemein auch sehr verbreitet ist auch die Ansicht, Intelligenz sei das, was Intelligenztests messen – was aber nicht nur wenig hilfreich, sondern auch einfach nicht wahr ist. Denn die über 80 in Deutschland verwendeten Intelligenztests unterscheiden sich zum Teil erheblich voneinander – je nach Zweck des Test und der Intention der Autoren.

Einer anderen, ebenfalls häufig auftretenen Meinung zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Bildungserfolgen. So behauptet beispielsweise der Persönlichkeitspsychologe Jens Asendorpf von der Berliner Humboldt-Universität, Intelligenz sei die Fähigkeit zu hoher Bildung. Hohe Bildung stellt die Eintrittskarte zu prestige- und einkommensträchtigen Berufen dar und genau davon profitieren wiederum die Kinder von Eltern mit hoher Bildung: Sie wachsen in einem Umfeld auf, dass sie ökonomisch und mental viel stärker fördert. Warum denken Sie wohl, schicken viele Eltern mit hohem Einkommen ihre Kinder auf Privatschulen? Richtig, weil sie dort mehr gefördert werden als in einer staatlichen Schule, wo eine völlig überforderte Lehrkraft vor etwa 35 Kindern steht.

Ein weiterer Trugschluss ist das oft verwendete Argument, dass Frauen, die sich von einer Samenbank die Spenden Hochintelligenter Männer eingekauft haben und sich damit befruchten ließen, allein deshalb hochintelligente und begabte Kinder bekamen. Denn dieser Trugschluss sitzt wieder der Vererbbarkeit von Intelligenz auf. Die Tatsache, dass diese Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit von klein auf von den Müttern – in Erwartung eines neuen Einsteins – entsprechend gefördert wurden, spielt beim Endergebnis nämlich eine große Rolle.

Das glauben Sie nicht? In Adoptionsstudien, bei denen die Intelligenz von Kindern, den leiblichen und den Adoptiveltern gemessen wurde, konnte auch für die Industrienationen nachgewiesen werden, dass von Armut, mangelhafter Ernährung und Stigmatisierung betroffene Kinder ihr eigentlich vorhandenes intellektuelles Potential in wesentlich geringerem Maße ausschöpfen konnten als Kinder aus den Mittel- und Oberschichten. (Quelle: Hintergrund.de) In anderen Studien wurde in gehobenen Mittelklasse Familien nachgewiesen, dass sich der IQ der adoptierten Kinder dem der Eltern bzw. dem Umfeld anpasste.

Intelligenz als vererbbares Gut, dass bei einigen Rassen mehr und bei anderen weniger ausgebildet ist – eine These die mehr als ein einmal widerlegt wurde. Das kümmert aber Herrn Sarrazin wenig – er zitiert weiter aus „The Bell Curve“  von Herrnstein und Murray. Dieses Buch mag zwar für einen Rassisten so etwas wie eine Bibel darstellen. Es ändert aber nichts daran, dass die Thesen durch mehrere Genforscher bereits widerlegt und als das was sie tatsächlich sind, entlarvt wurden: „Dumme, rassistische Äußerungen“.

Man mag nun Forschungsergebnisse als „Zahlenspielereien“ abtun – eine Aussage, die dann aber doch etwas hinkt, denn man sollte sich vor Augen halten, dass Herrnstein ein Psychologe war (er verstarb 1994) und Murray ein Politikwissenschaftler ist. Der von mir im ersten Artikel über Sarrazin aufgeführte Craig Venter ist allerdings Biochemiker. Warum die Fachbereiche einen Unterschied machen, sollte eigentlich jedem klar sein. Zudem bekamen und bekommen die Autoren von „The Bell Curve“ seit Jahren erheblichen Gegenwind – aus den eigenen Fachbereichen. Da das hier etwas den Rahmen sprengt, empfehle ich dazu folgende Lektüre: Intelligence: Knowns and Unknowns eine Antwort der American Psychological Association (APA) zu „The Bell Curve“ aus dem Jahre 1996.

Es bleibt also als erstes Fazit festzuhalten: Thilo Sarrazin übernimmt in seinem Buch eine Definition von Intelligenz – nämlich die das Intelligenz nicht nur vererbbar sei, sondern das auch rassische Unterschiede bestehen – die nicht nur mehrfach angefochten, sondern auch vor allem im rechtspopulistischen und rassistischen Zusammenhang verwendet wurde.  Aus diesem und keinem anderen Grund unterstelle auch ich ihm Rassismus und Rechtspopulismus, denn wissen Sie, wer auch mit so einem Mist große Erfolge gefeiert hat? Richtig, Adolf Hitler und seine Gefolgschaft.

Ein echter, um nicht zu sagen intelligenter, Ansatz von Herrn Sarrazin wäre gewesen, sich zuerst einmal mit der Definition von Intelligenz zu beschäftigen und hier im speziellen mit den Unterschieden von sozialer/emotionaler und mathematischer/technischer Intelligenz, bevor man ein sich nur auf eine These stützt und dazu ein Buch verfasst. Ein weiterer Punkt wäre gewesen, nicht zu versuchen eine vorgefasste Meinung zu bestätigen, sondern tatsächlich das zu tun, was er ja hinterher immer behauptete, getan zu haben: Fakten zu prüfen und zu analysieren.

Womit wir zum zweiten Punkt kommen, Sarrazins Statistiken. Da wären zunächst einmal die Statistiken der Berliner Humboldt-Universität, die deutlich zeigen: Von Genauigkeit und Wahrheit kann bei Sarrazins Buch keine Rede sein: „Statistiken zur Integration: Angriff auf Sarrazins Kernkompetenz“. Noch interessanter wird es, wenn man Tobias Kniebes Debatte in der Süddeutschen Zeitung liest. Hier wird genau das deutlich, was ich schon im ersten Artikel über Sarrazin gesagt habe: Eine nicht widerlegte Lüge wird nicht automatisch zur Wahrheit, wenn niemand was dagegen sagt.

Ich wünschte mir wirklich, dass die Leute, die Sarrazins Buch als Wahrheit ansehen, ein Mal, nur ein einziges Mal recherchieren und dann überlegen. Denn ja, ich bleibe dabei: Sarrazins komplettes Buch besteht aus dummen, rassistischen Äußerungen und der Großteil der Deutschen nickt es ab oder lässt es unkommentiert durchgehen. Und das ist es, was unsere Gesellschaft so traurig macht: Wir lassen denken…aber wir denken nicht mehr selbst.

Ich bin für jeden dankbar, der meine Blogeinträge kommentiert und sogar angreift – auch wenn ich aus Prinzip niemand freischalte, der meint, er müsse mit Beleidigungen á la „dumme Fotze“ oder Ähnlichem kommen. So ein Verhalten ist niveaulos und das unterstütze ich nicht. Wer mich oder meine Aussagen kritisieren will, der kann das auch ohne verbale Entgleisungen tun. Jeder der das schafft, dem möchte ich danken. Denn, auch wenn ihr nicht meine Meinung teilt und sie sogar „lächerlich“ oder „dumm“ findet. Zumindest denkt ihr nach und habt eine Meinung. Und das ist mehr, als ich über den Großteil meiner Mitmenschen sagen kann.

Ein Gedanke zu “Sarrazin und die Intelligenz: Eine Zusammenfassung

  1. Zu deinen Intelligenz Definitionen.
    Ich finde, die Unmöglichkeit Intelligenz zu definieren lässt sich am besten mit der Unschärferelation aus der Quantenphysik vergleichen:

    Wikipedia:
    „Die heisenbergsche Unschärferelation oder Unbestimmtheitsrelation ist die Aussage der Quantenphysik, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht immer gleichzeitig beliebig genau messbar sind. Das bekannteste Beispiel für ein Paar solcher Eigenschaften sind Ort und Impuls.“

    Ersetze Teilchen durch Person, Ort durch Intelligenz und Impuls durch Verhalten, dann weißt was ich meine 😉

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