Ägypten – der fade Beigeschmack einer Revolution

Eine Revolution muss man ja eigentlich gut finden. Also den Kampf der Menschen um Freiheit bejubeln, ihren Mut preisen usw.

Aber… ganz ehrlich, wenn ich mir diese Ägypten-Geschichte anschaue, dann kann ich das irgendwie nicht. Nicht, weil ich die bestehende Regierung für gut heiße oder auch die Gewalt des Militärs, das Wegsperren der Opposition oder die Abschaltung des Internets.  Auch bewundere ich tatsächlich den Mut dieser Leute, sich all dem entgegenzustellen und zu kämpfen.

Nur, hat sich eigentlich irgendwer mal angeschaut, wofür die da kämpfen bzw. wer die Opposition eigentlich genau ist?

Eine kurze Vorstellung der momentanen Haupt-Akteure:

1. Mohammed el-Baradei, über den mir Wikipedia Folgendes mitteilt:
Mohammed el-Baradai: (* 17. Juni 1942 in Kairo/Ägypten) war von 1997 bis zum 30. November 2009 Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und erhielt zusammen mit dieser im Jahr 2005 den Friedensnobelpreis.“
Ein Friedensnobelpreisträger also – naja gut, bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus: Eigentlich hat die IAEO einen Friedensnobelpreis für ihren Einsatz bekommen…el-Baradei war damals nur gerade Generaldirektor. Nun ja, darüber mag man nun denken was man will.

2.   Die Muslimbruderschaft (kurz: MB), eine Organisation aus der auch die viel gefürchtete Hamas hervorgegangen ist.  Über die MB lassen sich zahlreiche Artikel im Internet mit mehr oder weniger positiven Inhalten aufstöbern, was jedoch relativ klar ist:

Die MB will keinen Friedensvertrag mit Israel und will diesen am liebsten sofort aufkündigen.

Die MB ist bezüglich der Demokratie etwas zweigeteilt: Prinzipiell halten Teile davon die Demokratie für akzeptabel, allerdings wollen sie eine „islamische Demokratie“ die mit mehr oder weniger starken Einschränkungen der individuellen Freiheitsrechte verbunden ist (Quelle: Verfassungsschutz in NRW):

Meinungsfreiheit: Alle der gegen die islamischen Grundwerte verstoßenden Meinungen werden für illegitim erklärt.
Frauen: Verschleierung gilt als unumstößliches göttliches Gebot, Mutterdasein & Familienarbeit sind die wichtigsten Aufgaben – der Mann steht rechtlich gesehen über der Frau.
Andersgläubige: Anhänger anderer Religionen werden zwar geduldet, haben aber eine niedere Rechtsstellung als die muslimische Mehrheit.

Demokratie??? Also irgendwie sieht die für mich anders aus.

3.  Die derzeitige ägyptische Regierung unter Staatspräsident Muhammad Husni Mubarak. Interessant ist, dass es über ihn und seine Politik relativ wenig Genaues im Internet zu finden gibt. Die Eckdaten fasst Wikipedia ganz gut zusammen:

„Mubarak regiert autokratisch und stützt sich auf die Vertreter der „Dschil Uktubar“ („Oktobergeneration“). Die Basis der Macht ist bis heute die Armee, die sich als Bewahrerin der nationalen Identität, der Unabhängigkeit und der Stabilität versteht. Mubarak sucht seit seinem Amtsantritt ein Gleichgewicht zwischen den Ideologien und sozialen Gruppen herzustellen und auf diese Weise sein Regime zu festigen. Um islamistische Gegenbewegungen zu bekämpfen, erklärte er „Demokratie“ und „Pluralismus“ zu Zielen seiner Regierung. Dennoch gibt es in Ägypten nur so viel Opposition wie Mubarak gestattet. Selbst die Aufstellung der Wahllisten zur ägyptischen Volksvertretung bedarf der Absegnung durch die präsidententreue Mehrheit im Parlament, es treten also auch für die Oppositionsparteien nur „handverlesene“ Kandidaten an. Gegner sprechen daher lediglich von einer Pseudo-Demokratie, da Mubarak auch weiterhin an seinem diktatorischen Regierungsstil festhält.“

Mubarak ist also ein Diktator, der die Menschen unterdrückt, gleichzeitig aber unterschrieb er den Friedensvertrag mit Israel – was auch der Grund ist, warum Barack Obama, Hilary Clinton und das gesamte Israel sich zum Thema  Ägypten entweder ausschweigen oder nur sehr vorsichtig äußern.

Im Moment liest man ja in den westlichen Zeitungen vor allem eine Bekräftigung der Revolution und die Rufe nach dem „Sturz des Pharaos Mubarak“. El-Baradei dagegen schimpft fleißig auf die Feigheit der USA & Israels, während er in Interviews die missliche Lage Ägyptens beschreibt:

Ägypten ist im Grunde genommen ein Einparteienstaat. Die größte Oppositionspartei im Parlament hat ein Prozent der Sitze. Und alles das ist seit mehr als 30 Jahren durch ein Ausnahmerecht zementiert. Es gibt Korruption, Intransparenz, Vetternwirtschaft. Die Reichen leben in abgesperrten Wohngebieten, während 42 Prozent der Bevölkerung mit einem Dollar am Tag auskommen müssen. Wir haben ganze Flughäfen für Privatjets, derweil sich viele Ägypter noch auf Eseln fortbewegen. 30 Prozent der Ägypter sind Analphabeten. Die Menschen haben die Hoffnung verloren und sehen keine Zukunft für sich. Jeder, der irgendwie das Land verlassen kann, geht.“

Zur Muslimbruderschaft äußert sich el-Baradei folgendermaßen: Man muss mit den Muslimbrüdern intellektuell nicht übereinstimmen, aber sie sind nun einmal Teil der Gesellschaft und haben das Recht, an ihr teilzunehmen. Die Muslimbrüder sind als Verbündete Osama bin Ladens dargestellt worden – vollkommener Unsinn.“ Ein Artikel im Spiegel von 2007 wirft da ein etwas anderes Bild auf die Situation:

„Für viele Muslime ist die Hamas die Speerspitze der Muslimbruderschaft, der geschliffene Diamant des politischen Islam. Die säkularen arabischen Nachbarregime dagegen sehen in ihr einen Boten des Untergangs – oder, im Fall Syriens, ein Mittel zum Zweck im Nahost-Konflikt.

Einmütig stellten sich Ägyptens Präsident Husni Mubarak und Jordaniens König Abdullah II. vorige Woche hinter den gemäßigten Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas. Was die Hamas getan habe, sei ein „Putsch“, so Mubarak; seine in Gaza stationierten Diplomaten schickte er nach Ramallah ins Fatah-kontrollierte Westjordanland, den Grenzübergang Rafah ließ er schließen.

Mubarak und Abdullah allerdings schienen bereits auf dem Gipfel von Scharm al-Scheich erste Zweifel zu plagen. Denn nur Stunden zuvor hatte die Nummer zwei des Terrornetzwerks al-Qaida, der Ägypter Aiman al-Sawahiri, sich zu Wort gemeldet und alle Muslime zur Unterstützung der Hamas aufgerufen. Kleinlaut forderte Mubarak noch am Abend die Fatah zum Dialog mit den neuen Herren in Gaza auf.

Die Frage, wer da nun „vollkommenen Unsinn“ von sich gibt, darf sich jeder selbst überlegen und beantworten. El-Baradei erklärt zudem, er habe ein Gespräch mit dem Fraktionschef der Muslimbruderschaft gehabt, nachdem dieser sich gegen religiöse und militärische Parteien aussprach und für einen zivilen Staat eintrete. Nur wer jetzt sagt: „Das ist doch toll!“ der lese bitte nochmal unter Punkt 2 die Vorstellungen einer „islamischen Demokratie“ nach.

Um das Ganze nun mal zu einem kleinen Abschluss zu bringen: Es gibt wohl keine Antwort auf die Frage nach dem richtig oder falsch in Ägypten.

Richtig ist: Die Bevölkerung wird unterdrückt und hat verdammt nochmal ein Recht auf freie Meinungsäußerung und Demokratie.

Richtig ist auch: Die Muslimbruderschaft hat ebenso ein Recht auf freie Meinungsäußerung.

Falsch klingt dagegen für mich die Vorstellung der „islamischen Demokratie“. Das hat für mich ein wenig den faden Beigeschmack des einen Übels, das durch ein anderes ersetzt wird.

Ich bewundere dennoch den Mut dieser Menschen. Es ist nie falsch aufzustehen und sich zu wehren! Es ist niemals falsch für seine Freiheit zu kämpfen!

Nur manchmal, da sind es die falschen Gründe…

Ein Gedanke zu “Ägypten – der fade Beigeschmack einer Revolution

  1. Ich stimme El Baradei betreffend allem völlig zu. Er hat zudem die Welt bezgl. des iranischen Atomprogrammes belogen. Für den Weltfrieden hoffe ich auf ein weiterhin säkulares System in Ägypten. Amr Mussa finde ich geeigneter als El Baradei.

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