Castingshows als Volkserziehung

Was bedeutet eigentlich Individualität?

Wikipedia, teilt mir dazu Folgendes mit:
Der Begriff Individualität (lat.: Ungeteiltheit) bezeichnet im weitesten Sinne die Tatsache, dass ein Mensch oder Gegenstand einzeln ist und sich von anderen Menschen beziehungsweise Gegenständen unterscheidet.

Das heißt also Individualität bedeutet, sich von Anderen zu unterscheiden.  Doch die Realität sieht heutzutage anders aus. In jeder Fernsehshow bekommen wir immer wieder vorgeführt, wie die gesellschaftlich akzeptierte Form von Individualität aussieht:

  • Selbstbewusstsein“ – Übersetzt in Zeiten von DSDS, Popstars oder GNTM: Finde dich selbst richtig geil und erzähl das auch jedem! Außer du schminkst dich nicht, trägst keine kurzen Röcke und findest weder Dieter Bohlen, noch Heidi Klum cool. Dann bist du einfach nur peinlich.
  • Eigene Meinung“ – Darfst du haben, aber nur solange, wie sie mit der Meinung der anderen vereinbar ist. Kritische Äußerungen, widersprechen oder gar nachdenken sind ein absolutes „No Go“.
  • Ausstrahlung“ – Mädels bitte alle schön geschminkt, mit Schuhtick und Kleidergröße 36. Männer bitte mit durchtrainiertem Body, Emo-Frisur und Dauersolariumbräune. Das wars im Grunde schon.
  • Crazy“ – Ja ein bisschen verrückt dürft ihr sein, aber bitte nicht so verrückt, dass es in Blümchenröcke, Hawaihemden oder gar ungestylte Frisuren ausartet.
  • Cool“ – Wenn ihr die oberen Punkte erfüllt, seit ihr automatisch „cool“. Alle Anderen fallen in die Kategorie „peinlich“.
Der perfekte männliche Castingkandidat: Gestylt, angepasst mit Emo-Frisur

Der perfekte männliche Castingkandidat: Gestylt, angepasst mit Emo-Frisur

Wer jetzt denkt „Ach je, schon wieder ein Castingshow-Diss“, der liegt schon richtig. Ich mag diese Castingshows nicht – aber nicht (nur) deshalb, weil nach gefühlten 100.000 Eintagsfliegen-Superstars/Topmodels/Popstars/Supertalenten etc. immer noch irgendwelche Hohlbirnen glauben, diese Castingshows wären „das Ticket zum Star“. Ich mag sie nicht, weil sie im Grunde nichts anderes als Volkserziehung sind.

In jeder Topmodel-Show hört man Heidi Klum immer wieder zu einer Kandidatin oder direkt zum Zuschauer sagen: „Model sein ist harte Arbeit, es erfordert viel Disziplin und Anpassungsfähigkeit“. Übersetzt bedeutet das nicht anderes als: „Leistet euch nicht den Luxus einer Persönlichkeit und arbeitet bis zum Umfallen“. Betrachten wir nun mal die aktuelle Situation für „Normalos“ beim Bewerbungsgespräch: Was erwartet der zunkünftige Chef da? Motivation /Belastbarkeit (übersetzt: Bereitschaft zu unbezahlten Überstunden), Teamfähigkeit (übersetzt: Pass dich an die Anderen an), Organisationstalent (übersetzt: Lass dir den Stress nicht anmerken) oder Kreativität (übersetzt: Machen Sie alles so, wie der Chef es sich vorstellt).

Das halten Sie jetzt aber für überzogen? Na dann, weiter zu DSDS oder Popstars: Was bezeichnen Bohlen und Soost am Liebsten als „das ganze Package“? Ein hübsch gestyltes/r Mädel/Junge, möglichst dünn/durchtrainiert und mit halbwegs brauchbarer Stimme, das/der nicht zickt (also widerspricht) und platte Popmusik für große Kunst hält. So sehen die erfolgreichen Typen von morgen aus.

Damit will ich nun nicht sagen, dass jeder Arbeitslose heutzutage im Grunde ein toller Typ ist, der einfach an den Vorgaben der Gesellschaft scheitert. Es gibt bestimmt auch Leute, die einfach zu faul sind oder sich selbst ihre Zukunft durch Kriminalität etc. verbauen. Aber sicher ist nicht jeder Arbeitslose ein Versager, nur weil er dem Chef die Meinung gesagt hat, nicht bereit war 70 Stunden pro Woche zu arbeiten oder mit der Organisation des Unternehmens unzufrieden war.

Doch solche Leute will man heute nicht mehr. Leute die widersprechen, die sagen was sie denken – die überhaupt denken – und sich dann noch nicht mal für Mode und seichte Popsongs begeistern können. Solche Menschen bezeichnen wir als „uncool“ oder „peinlich“. Dabei frage ich mich, ob es nicht viel eher wir sind, auf die diese Bezeichnungen besser passen.

Wirkliche Vorbilder sollten uns nicht die Angepassheit vorleben, sondern die Andersartigkeit. Einen Traum zu haben ist eine gute Sache – sich für diesen Traum bis zu Unendlichkeit zu verbiegen eine ganz andere. Klar, eine Heidi Klum, ein Dieter Bohlen, ein Detlef D! Soost, ein Bruce Darnell oder eine Sylvie van der Vaart machen richtig Kohle und sind berühmt. Die Frage bleibt aber, wollen sie eine Kopie oder ein Original sein? Oder, um es in den Jugendjargon (wir sind schließlich alle Berufsjugendliche) zu übersetzen: Lieber eine Buffy als eine Bella. 🙂

Ein Gedanke zu “Castingshows als Volkserziehung

  1. Hallo,

    ich kam durch den Tag „Heidi Klum“ hierher. Dieser herrliche Beitrag spricht mir aus der Seele. Danke! Deine Meinung zu Castingshows teile ich. Anmerken möchte noch, dass z.B bei DSDS von den Möchtegern-Superstars bereits beim 1.Vorsingen erwartet wird, dass sie einen sattsam bekannten Popsong vorträllern. Eigene Kompositionen scheinen da weniger gefragt, erst recht kein gesellschaftskritischer Liedtext, sowas lässt sich ja nicht vermarkten.

    Das Weblog hier gefällt mir, ich mag den Schreibstil, viele liebe Grüße aus dem unendlichen Bloguniversum von

    tom

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